Beuys Platanen und Basalte

7000 Eichen-Projekt

Selten, eher noch nie, hat die Skulptur 7000 Eichen von Joseph Beuys eine so kreative und fundierte Auseinandersetzung in Bild und Wort provoziert wie in diesem Fotoband.

Autor
Albert Vinzens (Text) / Bernhard Rüffert (Fotos) / Joachim J. Kühmstedt (Gestaltung)

Hersteller
Info 3


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Rezension

Ein zunächst mich irritierendes Buch. Lange habe ich es liegengelassen: sicher irgendwie interessant – aber was soll’s? Bilder von Baustellen, von mit Holzbrettern ummantelten Baumstämmen, Bauzäunen, umgekippten Steinen, ausgebuddelten Straßenbahnschienen und entsprechend schwerem Gerät. Und dann diese Schrift, an billige Manuskriptdrucke der 70er Jahre erinnernd, mal in die Bilder reinlaufend, mal wie zu dicht an sie herangesetzt, dann wieder seitenübergreifend, auch so, dass man, um die Zeilen vollständig lesen zu können, ständig hin- und herblättern muss, oder um 90 Grad gedreht. Dabei alles gedruckt auf edlem Papier. Irgendwie gewollt.

Doch schließlich reiße ich mich zusammen, nehme mir das Buch richtig vor – getrieben vom Pflichtgefühl. Und auf einmal fange ich Feuer! Mit der Idee des Zwischenraumes im Hintergrund, die mir gerade auf einem anderen Mist gewachsen ist, finde ich mich hin- und herpendelnd zwischen dem Buch mit seinen Bildern und Texten, meinen Gedanken und diesen Notizen – und entdecke lauter Zwischenräume; neue Zwischenräume entstehen, in denen sich überraschend Überraschendes zeigt. Dieses Buch über ein von Joseph Beuys 1982, anlässlich der documenta 7 in Kassel initiierten Projektes 7000EICHEN (um was geht es eigentlich genau: Kunst, Ökologie, Evolution …?) erweckt einen neuen Blick auf den Alltag eines jeden – auf die Baustellen des Lebens. Mit »Kunst im öffentlichen Raum« hat es wenig zu tun, eher mit einer sanften Dekonstruktion des Gewöhnlichen mit den Mitteln der Natur. Wie behaupten sich die gepflanzten Bäume – keineswegs nur Eichen –, jeder einen Basaltstein als Setzung zur Seite, im öffentlichen Leben? Die Fotos wurden in der Landgraf-Karl-Straße im Kasseler Stadtteil Bad Wilhelmshöhe während der zweijährigen Sanierung aufgenommen. Diesen Bildern und den ihnen beigesellten oder eingeschriebenen Texten merkt man an: Es geht nicht darum, das einmal von einem einzelnen Menschen Geschaffene bzw. Veranlasste zu bewahren, auch nicht darum, etwas beurteilend vorzuführen, was andere damit tun, sondern um das Verhalten eines jeden Einzelnen im alltäglichen Leben: Dieses selbst beginnt zu sprechen: das sich in eine Parklücke zwängende und dabei einen Stein in Schieflage bringende Auto; die Blätter, die die Verschalung eines Baumstammes durchwachsen; der markierende Hund; der Bauzaun und die Straßenabsperrungen; die mit frischem Schnee überzuckerten Zähne einer Baggerschaufel; die aufgeschürfte Erde – alles im Spiel von Licht und Schatten.

Dabei setzt der Fotograf Bernhard Rüffert nie »Bedeutendes« ins Bild oder lädt vermeintlich Unscheinbares mit Bedeutung auf, sondern zeigt einfach, was ist – mal in Farbe, dann wieder in Schwarz/Weiß, in den unterschiedlichsten Ausschnitten, in Serie montiert. Ebenso kommt der Text von Albert Vinzens ganz ohne Überhöhungen aus, erzählt von seinen Beobachtungen, verknüpft sie mit philosophischen Gedanken, berichtet von Geschichtlichem und Gegenwärtigem, zitiert Beuys und andere, und so entsteht ein lebendiges Gewebe, das wie aus sich heraus wächst, nicht nur im Innern des Lesers, sondern auch in der Anschauung, wenn der Text mal als Inschrift auf den Bildern erscheint, mal für sich, als ob es vor allem auf Inhalte ankäme, mal als ungeformte Masse – um dann wieder auf überraschende Weise mit einem Bild zusammenzuklingen. Der so Text und Bild kunstvoll zu einem Ganzen verbindende Gestalter ist Joachim J. Kühmstedt. Das Buch wird durch ihn zu einer Performance, an der ich anschauend, lesend und meine eigenen Gedanken und Impulse ausbildend mitwirken kann.

Beuys: »Die Bäume sind nicht wichtig, um dieses Leben auf der Erde aufrecht zu erhalten, nein, die Bäume sind wichtig, um die menschliche Seele zu retten.« Der Gegensatz von Natur und Zivilisation verwandelt sich hier in den produktiven Antagonismus von Tod und Auferstehung, ohne den echtes Wachstum gar nicht möglich ist. In den Momentaufnahmen aus dem beobachteten Leben öffnet sich der Blick ins Dazwischen, das immer da ist, aber selten bemerkt wird. Aus diesem Dazwischen hat auch Beuys gehandelt. Im Zusammenhang mit den Schwierigkeiten, die die Stadtverwalter dem 7000EICHEN-Projekt anfänglich bereitet haben, schreibt Vinzens lakonisch: »Wie ein Zen-Meister zog Beuys die Idee mit einem Lachen aus der Gosse … Schritt für Schritt versah er die Plätze und Straßenränder mit Bäumen und Basalten. Mit liebevoller Hartnäckigkeit setzte er geduldig 7000EICHEN in die Niederungen des dreckigen Alltags.« Und an anderer Stelle fragt er sich: »Warum fand ich, dass die Bewegungen der Baumaschinen und die riesigen Materialverschiebungen irgendwie zum Kunstwerk dazupassten?«

Der zu oft als Phrase gebrauchte Satz »Jeder Mensch ein Künstler« aufersteht hier auf ebenso beiläufige wie ausdrückliche Weise. Und es entsteht das feine Porträt einer ganz normalen Stadt mit allen ihren (Un-)Möglichkeiten: Jede Stadt samt all ihren Baustellen ein Kunstwerk, gestaltet und immer wieder umgestaltet von den in ihr lebenden und arbeitenden Menschen.

Quelle: Die Drei, Heft 11, 2014

Erscheinungsdatum: 30.10.2013, Neuausgabe

228 Seiten, gebunden, transparenter Schutzumschlag, 81 Abbildungen, Format: 27 x 19,5cm

ISBN: 978-3-933332-74-5

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