Das Bild der Pflanze in Wissenschaft und Kunst


Aristoteles – Goethe – Klee – Beuys

von Volker Harlan

Wissenschaft wird zur Kunst - und Kunst zur Wissenschaft

EAN 9783932386596

Artikelnummer 9783932386596

Info 3


* inkl. ges. MwSt. zzgl. Versandkosten

Wissenschaft wird zur Kunst – und Kunst zur Wissenschaft

Die Pflanze als Lehrmeisterin des Forschergeistes
Der Autor zeigt in vier großen Schritten, wie die Pflanze zur Lehrmeisterin des Forschergeistes wird: Der Blick auf die Pflanze führte Aristoteles in seiner Erkenntnislehre zu Grundbegriffen, die in der Philosophie bis heute relevant sind. Die »vier Ursachen« las er ebenso an der wachsenden Pflanze ab wie die von ihm in die Sprache eingeführten Begriffe »Energie« und »Entelechie«.
Goethe ließ sich so in die »Bildung und Umbildung organischer Naturen« ein, dass er »Organisationstypus« und »Gestalttypus« der höheren Pflanzen entdeckte und mit seiner Methode eine neue naturwissenschaftliche Disziplin begründete: die »vergleichende Morphologie«. Und weil der Typus simultan umfasst, was die Natur nur nacheinander, sukzessiv, hervorbringt, suchte Goethe nach einer besseren Darstellungsart als der Beschreibung: Er zeichnete den Gestalttypus der Pflanze.
Das haben nach ihm viele Botaniker des 19. und 20. Jahrhunderts versucht. Doch gerieten deren Zeichnungen immer mehr zum starren Schema, weil sie das Dynamische der Goetheschen Morphologie, die »Metamorphose« nicht berücksichtigten. Erst Paul Klee führte seine Studenten am Bauhaus in die Gestaltkunde ein, indem er die Wachstumsprozesse und -gebärden der Pflanze vom Keimen bis zum Fruchten zum Vorbild nahm. Er forderte auf, durch Rezeption zur Produktion zu kommen – und zeigte an den Bildeprozessen der Pflanze, wie das geschehen kann. Selten wurde ein solches Verständnis für Gestaltungsgebärden erweckt wie durch Klees »bildnerisches Denken«.
Joseph Beuys schließlich, der die typusgemäßeste Pflanzenzeichnung entwarf, die jedes Lehrbuch übernehmen könnte, entwickelt aus ihr mit alchemistischen Begriffen seine »Plastische Theorie«, die Natur, Mensch und Gesellschaft in einem neuen Licht erscheinen lässt – bis hin zu therapeutischen Konzepten für die »Soziale Plastik« der menschlichen Gesellschaft – und die auch sein Werk mit den Fettecken und Filzskulpturen verständlich werden lässt.
Durch insgesamt etwa 230 Zeichnungen wird der Leser mit dem Text einen anschaulichen Weg geführt, der ihm ermöglicht, eine Naturanschauung zu gewinnen, die der Lebendigkeit der Natur entspricht. Die Biologie wird nicht in Biochemie aufgelöst, sondern der Leser vollzieht die Gestaltungs- und Umgestaltungsprozesse der Natur mit seinen Sinnen so nach, wie sie vor allem durch Künstler entdeckt werden: als lebendige Gestaltung.
Das Buch zeigt, wie durch Kunst die Naturanschauung erweitert wird und wie Morphologie als wissenschaftliche Disziplin in der Kunst eine Steigerung erfährt: Vom Abbild zum Urbild, vom Urbild zum Bild oder zur Zeichnung – nicht zum Schema. Goethe nannte das »die wahre Symbolik«. Der morphologische Teil botanischer Lehrbücher müsste demnach umgestaltet, die Schemata zur Darstellung der Gestalt der zweikeimblättrigen Pflanze müssten ausgetauscht werden.

Aus dem Inhalt

Naturphilosophische und naturwissenschaftliche Begriffe bei Platon und Aristoteles
Platon – Schein der Sinneswelt – Wahrheit der Ideen
Aristoteles gewinnt seine naturphilosophischen Begriffe an der Beobachtung des Werdens der Pflanze
Die vier Ursachen, die vierfache Bewegung, Verwirklichung und Vollendung
Ansätze zu einer Wissenschaft von der Gestalt
Theoretische Grundlagen zum Vergleichen von Lebewesen
Naturphilosophische Entwicklungswege des Abendlandes

Goethe, Begründer der Morphologie als naturwissenschaftlicher Methode
Goethes Verhältnis zum Platonismus und zu Aristoteles
Goethe und die Naturwissenschaft
Entdeckung der Urpflanze
Der Typus der Pflanze
Gestaltungsprinzipien
Das Bild der Pflanze bei Goethe – Morphologie
Erkenntnisakt und Darstellung als Tätigkeit

Naturwissenschaftliche Goetherezeption, Morphologie der Pflanze
Rudolf Steiner. Dreigliederung des Organismus: Gestaltbildung unter dem Gesichtspunkt der Alchemie
Typologische Forschungsresultate
Wilhelm Troll
Das Bild des Sprosses im einzelnen Blatt
Die Zeitgestalt der Pflanze

Die bildliche Darstellung der Pflanze in der Morphologie des 19. und 20. Jahrhunderts
Goethes Pflanzendarstellungen
Darstellungen der Pflanze nach Goethe: Turpins »Urpflanze«, Schemata der zweikeimblättrigen Pflanze von Carus, Steiner, Schleiden, Unger, Kerner, Sachs und Troll, Strasburger und Sharp, Rauh, Göbel, Schad
Was ist geleistet worden, was steht aus?

Das Bild der Pflanze im Denken und Schaffen Paul Klees
Paul Klees lebenslanger Umgang mit der Pflanze
Klees Aufsätze und der Jenaer Vortrag
Das bildnerische Denken Paul Klees – analog der Natur: die Bauhaus-Vorlesungen
Elementarformen im Reich der Bilder Paul Klees
Die Darstellung des Blühens als Prozeß: Feuer-Quelle
Die Pflanze im Menschen

Beuys und die Pflanze – Objekt, Bild, Symbol
Die Pflanze als Objekt
Die Pflanze als Bild. Das Blatt als Erkenntnis in Bildform
Urbildliches
Metamorphose
Alchemie
Der Weg von der alchemistischen Pflanzenzeichnung zur diagrammatischen Zeichnung der »plastischen Theorie«
Das Bild der Pflanze – die Pflanze als Bild. Erweitertes Verständnis der Alchemie
Die Blüte als Bild der Sozialen Plastik

Schlussbetrachtung

Über den Autor:

Dr. Volker Harlan,

geboren 1938, Studium der Malerei, Theologie, Biologie und Kunstgeschichte; Dozententätigkeit für Naturphilosophie und Ästhetik an verschiedenen Hochschulen und im Studium fundamentale der Universität Witten/Herdecke, Mitarbeiter am Institut für Evolutionsbiologie und Morphologie derselben Universität. Seit 1978 Mitarbeit beim Aufbau einer Medical School in Herdecke und beim Aufbau der Universität Witten/Herdecke, insbesondere des Studium fundamentale, Leitung der Akademie der Universität. Organisation der Beuys-Tagungen 1991 in Basel und 1998 in Kassel; Mitarbeit am Aufbau eines »Social Sculpture Research Unit« der Brookes-Universität in Oxford, England, als MA-Studium. Wissenschaftliche Veröffentlichungen im Bereich botanische Morphologie und Kunst-geschichte/Ästhetik.


2. Auflage, 236 Seiten, 188 Abb., 1 Falttafel, Broschur
EUR 26,00 
ISBN 3-932386-59-0