Das menschliche Herz

Kardiologie in der anthroposophischen Medizin

(...) Die Beiträge reichen von klinischen Kasuistiken bis zu therapeutischen Herzmeditationen und wurden von Peter Selg, Christoph Rubens, Christoph Kaufmann, Guus van der Bie, Matthias Girke, Jakob Gruber, Thomas Breitkreuz, Uwe Schulze, Andreas Fried, Konrad Bäuerle, Joachim Hötzel und Michaela Glöckler verfasst.

Autor
Christoph Rubens / Peter Selg (Hg.)

Hersteller
Verlag des Ita Wegman Instituts

EAN
9783905919608


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Die internationale Jahreskonferenz der Medizinischen Sektion am Goetheanum 2013 – hundert Jahre nach der Grundsteinlegung für das erste Goetheanum – widmete sich erstmals dem Herzen als dem zentralen Organ der menschlichen Organisation. Die im Verlauf dieser Tagung gehaltenen Vorträge wurden in der Folge für ihre Publikation schriftlich ausgearbeitet und ermöglichen einen detaillierten Einblick in Rudolf Steiners geisteswissenschaftliche Herzforschung und ihre Relevanz für die moderne Medizin. Die Beiträge reichen von klinischen Kasuistiken bis zu therapeutischen Herzmeditationen und wurden von Peter Selg, Christoph Rubens, Christoph Kaufmann, Guus van der Bie, Matthias Girke, Jakob Gruber, Thomas Breitkreuz, Uwe Schulze, Andreas Fried, Konrad Bäuerle, Joachim Hötzel und Michaela Glöckler verfasst.

«Die Schilderung der Herzkrankheit muss in andere Formen gebracht werden, ganz abgesehen davon, ob die einzelnen [anthroposophischen Heil-]Mittel schon gebraucht werden können. Über die Herzkrankheit muss anders gedacht werden. In anderer Art dargestellt, wird es plausibler vor die Welt hintreten können als in den bisherigen [medizinischen] Handbüchern. Es handelt sich um den guten Willen, auf dem Gebiet der Medizin umzudenken aus den geistes­wissenschaftlichen Grundlagen heraus.»

Rudolf Steiner, Stuttgart, 31. Januar 1923


Rezension

Im Moment werden vertraute Gewissheiten abgeräumt. Das Zentrum der Gesellschaft erhält ein digitales Herz, was nicht ohne Folgen für die Peripherien bleibt: Privatheit in Zeiten des Internets muss neu definiert werden; die Verletzlichkeit unserer Infrastruktur – etwa für Wasser oder Energie – ist kritisch, letztlich nicht behoben; die weltweit agierende Cyperkriminalität hält mit neuen Formen der digitalen Erpressung die Wirtschaft in Atem – kurzum: Das sich etablierende neue Verhältnis von digitalem Zentrum und seiner sozialen Peripherie wird, schon jetzt erkennbar, zunehmend gestört, ja pathologisch, womit der Mensch, eingebunden in das Räderwerk dieser sich beschleunigenden Digitalgesellschaft und der dazugehörigen »Wirtschaft 4.0«, ins Blickfeld rückt. Ihm geht es dabei immer weniger gut.

»Ein Killer geht um«, schreibt ein führendes Managermagazin und meint den Bluthochdruck. Allein unter den zehn häufigsten Todesursachen finden sich sechs, die Überdruck in den Gefäßen verursachen, am schlimmsten getroffen sind Hirn und Herz. Gefäßschäden im Gehirn führen zu Schlaganfällen und Demenz. Und was ist mit dem Herzen?

Man kann feststellen, dass die »konventionelle« Herz-Kreislauf-Medizin seit Mitte des 20. Jahrhunderts eine rasante Entwicklung genommen und eine ausgesprochene Erfolgsgeschichte vorzuweisen hat, die es scheinbar nahe legt, sich ihr vorbehaltlos anzuvertrauen. Allerdings, als Kind des mechanistischen Denkens des 19. Jahrhunderts tritt sie dann doch auf der Stelle – und genau dort setzt dieses Buch an: Es zeigt, dass die naturwissenschaftliche Herz-KreislaufLehre zwar auf hohem Niveau reparieren kann, aber auf dem Gebiet versagen wird, um das es zunehmend auch geht: bei der nachhaltigen Heilung und Gesundung des Herzpatienten. Eindrucksvoll wird der Grundgedanke entwickelt, »dass über die Herzkrankheit ganz anders gedacht werden muss«.

Es ist paradox: Die Gesellschaft implantiert sich ein neues Herz, bekommt aber die von diesem digitalen Zentrum ausgehenden sozialen Peripherieschäden nicht in den Griff. Der gestresste Mensch, der diesen Beschleunigungsprozess selbst vorantreibt, leidet unter Bluthochdruck – womit die klinische Kardiologie zunächst gut umgehen kann: Durchblutungsstörungen des Herzens können durch Kathetertechniken behoben, Herzrhythmusstörungen durch differenzierte Schrittmacher korrigiert werden. Die Wiederherstellung der Zeitorganisation des Herzens gelingt zumeist mit moderner Pharmakotherapie; mit implantierten Defibrillatoren ist ein plötzlicher Herztod vermeidbar; Herzersatzsysteme können beim sogenannten terminalen Herzversagen eingesetzt werden und oft die Zeit bis zur Verfügbarkeit eines Spenderherzens für eine Transplantation überbrücken. Eine blühende, international aufgestellte Herztechnologieindustrie agiert derart im Spannungsfeld technologischer Machbarkeit und Markterwartungen. Allerdings können die Zusammenhänge von Organfunktion bzw. Krankheitsmanifestationen mit den geistig-seelischen Entwicklungsbedingungen des Menschen von dieser Maschinen-Kardiologie grundsätzlich nicht berücksichtigt werden.

Richtig ist gleichwohl, dass die positiven Auswirkungen der zeitgenössischen kardiologischen Behandlungsmethoden in ihren Folgen für Lebensqualität und Lebenserwartungen gut nachweisbar sind. Nur lässt die Kernkompetenz der naturwissenschaftlich ausgerichteten HerzKreislauf-Medizin keine Entwicklungen jenseits des Reparaturansatzes erkennen. Und genau das mutet in Zeiten digital beschleunigter Arbeitswelten und deren Rückwirkungen auf den Menschen ziemlich anachronistisch an.

Dabei muss das Rad gar nicht neu erfunden werden! Der Dichter weist die Richtung: »Man sieht nur mir dem Herzen gut.« Zweifelsohne orientiert sich Saint-Exupéry in seinem ›Kleinen Prinzen‹ an Aristoteles, hat doch dieser sehr dezidiert darauf aufmerksam gemacht, dass das Herz als »Quelle des Lebens« zu betrachten sei. Er warnte vor einer Überschätzung des Gehirns und betonte, dass die isolierten Eindrücke der Einzelsinne im Herzen synthetisiert würden. Darauf hätte aufgebaut werden können – stattdessen hängt die moderne Kardiologie im Maschinendenken des 19. Jahrhunderts fest. Matthias Girke, Leitender Arzt der Abteilung für Allgemeine Innere Medizin am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin, schreibt dazu: »Gesundheit entsteht nicht in der Reparatur eines Defektes, sondern orientiert sich auf die Zukunftsfähigkeit des Menschen und seiner Entwicklungsmöglichkeiten.«

Das zeigt sehr konkret, sehr anschaulich und faszinierend der praktizierende Kardiologe Joachim Hötzel an sieben Krankheitsgeschichten. Hier weht, wie jeder Fall zeigt, ein neuer Wind, hier wird nicht repariert, sondern geheilt, was Schule machen soll und muss. Längst gibt es eine Herzschulbewegung (›Herzschulen in Deutschland‹), in deren Charta es heißt: »Wir verstehen das Herz als Bewegungs-, Rhythmusund Beziehungs- sowie Wahrnehmungsorgan und begreifen den Prozess von Gesundheit und Krankheit im Kontext der Lebensgeschichte eines sich entwickelnden Menschen.«

Dieses Buch gibt Orientierung. Die Autoren, Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft anthroposophischer Kardiologen, setzen ein Gegengewicht, das Hoffnung macht: Nicht alle, die auf der Reise in eine sich weiter beschleunigende Digitalgesellschaft unter die Räder der HerzKreislauf-Erkrankungen kommen werden, müssen in der (durchaus erfahrungsgetränkten) Werkstatt der Kardiologieingenieure landen – diese werden, selbstverständlich, unabdingbar gebraucht. Allerdings geht es um die Erweiterung des dortigen, instrumentalisierten Herzdenkens. Herzschulen – es müsste mehr davon geben, die Krankenkassen sollten hier Schlange stehen – öffnen faszinierende Perspektiven, es gibt innovative Herztherapien und Krankenhäuser, in denen mit Ernst und Engagement daran gearbeitet wird, das Herzdenken zurück ins Lebendige zu holen. Kurzum: ein starkes Buch, Zukunft impulsierend.

Erscheinungsdatum: 11.2014
Auflage: 1.
Seiten: 344, mit 33 meist farbigen Abb.
Einbandart: gebunden
ISBN: 978-3-905919-60-8

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