Das Volksmärchen und die Entwicklung des Herzdenkens

Die Menschen unserer Kultur bewegen sich zunehmend vor allem in der sinnlichen Welt. Diese einseitige Entwicklung macht den Menschen unfrei. "Freiheit realisieren lässt uns nur dasjenige, was sich unabhängig von der äusseren Welt in unserem Denken als Antrieb unseres Handelns entwickelt. (O. Palmer: Rudolf Steiner, Über seine Philosophie der Freiheit)

Autor
Beat Frei

Hersteller
Novalis Verlag

EAN
9783941664531


19,80

inkl. 7 % MwSt. zzgl. Versandkosten


Lieferzeit 3-5 Tage



Das Volksmärchen, d.h. vor allem das Zaubermärchen, kann uns Wege zu einem neuen Denken weisen, dessen Betätigung nicht nur der intellektuellen Bewältigung der Wirklichkeit dient, sondern das zum Erleben der Wirklichkeit führt. Der Held im Märchen geht eben diesen Weg, der ihn am Ende zu seinem Königtum führt. Märchen sind dem anthroposophischen Schulungsweg zutiefst verwandt und durchaus sehr modern. Ich nehme an, daß Märchen Entwicklungen und Reifeprozesse des menschlichen Lebens darstellen und den Menschen zu einem sinnvollen Ziel führen möchten.

Die soziale und ökologische Herausforderung unserer Zeit braucht dieses bildhafte, kreative und imaginative Denken, damit die Welt nicht in intellektuelle Einzelheiten zerfällt, sondern durch das menschliche Denken und Handeln erhöht wird. Deshalb gehören Märchen in die Schule und in die Welt der Erwachsenen.


Rezension

Beat Frei beschreibt hier für eine anthroposophische Leserschaft, welche Erkenntnisse und Weltbezüge sich ihm in langjähriger pädagogischer Erfahrung mit europäischen Volksmärchen, insbesondere den sogenannten Zaubermärchen, eröffnet haben. In Übereinstimmung mit anthroposophischen Märchenforschern vor ihm sieht er in den Zaubermärchen imaginative Schilderungen der geistig-seelischen Entwicklung des Menschen und der Menschheit im Sinne eines esoterischen Christentums. Für ihr Verständnis ist daher die Entwicklung eines über das intellektuelle Denken hinausgehenden lebendig imaginativen Herzdenkens erforderlich, die der Autor durch vielfältige Herangehensweisen anregen will.

Zunächst werden die sieben biografischen Jahrsiebte des Menschen verglichen mit den (etwas modifizierten) acht Lebensphasen, mit denen der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker Erik H. Erikson (1902–1994) arbeitete. Anschließend wird beides in der Entwicklung des Märchens wiedergefunden (Tabelle auf S. 81). Als Grundlage der siebenfachen Entwicklung schildert Beat Frei die von Rudolf Steiner beschriebenen sieben Lebensprozesse, die nach Coen van Houten – nachdem sie nicht mehr leibgestaltend wirken – in seelische Lernprozesse umgewandelt werden. Anhand verschiedener Märchen wird dies erläutert und in ein Schema gebracht, in dem sich die erste und siebte, die zweite und sechste und die dritte und fünfte Stufe entsprechen. Nach der Schilderung seiner Methode, dem »Ausbrüten der Bilder« und meditativen Denken derselben, untersucht der Autor anschließend das Märchen ›Die Bienenkönigin‹. (S. 112-167)

Es folgt eine Schilderung der bisherigen Kulturepochen als Phylogenese des Menschen und ein tieferes Eingehen auf die ephesischen Mysterien als Logosmysterien, auf die Bedeutung der Artemis und sehr eingehend auch auf die Bienen als Trägerinnen von Ich-stärkender Kraft. »Dieses gewaltige Thema, […] dass Artemis der vom Tierischen geläuterten Seele die Kraft der Gedankenweisheit schenkt, kehrt im Märchen in besonderer Form zurück. Die Lebensprozesse verwandeln sich im Märchen in Lernprozesse und versuchen dann, die seelische Ebene desjenigen, der sich mit den Märchen beschäftigt, weiter zu transformieren, um sich in gänzlich geistigen Prozessen zu vollenden. Das Denken wird zum reinen, wesenhaften Denken (Logos) geläutert und kann sich weiter zu Imagination und Inspiration entwickeln.« (S. 198) Um dies weiter auszuführen, folgt ein Kapitel über das Logosprinzip in Philosophie und Religion und das siebenstufige Denkerleben (übernommen von Frank Teichmann), mit dem das Märchen untersucht werden kann.

Offen blieb für mich die Frage, wie für die Märchen die Brücke von den griechischen Mysterien zu den Tempeln der Rosenkreuzer (S. 82) zu schlagen ist. Doch auch die 12 Monatstugenden, die sechs Nebenübungen und den verwandelten achtgliedrigen Pfad führt Frei als Vorbereitungen für das Verständnis eines Märchens an, des Weiteren die Entwicklung des Gemüts, die Beobachtung des Denkens, das Achten auf Nachbilder und verschiedene Meditationsanregungen Rudolf Steiners zur Entwicklung des Herzdenkens. Die letzten beiden Kapitel sind ein flammender Aufruf, angesichts des Sprachverlusts unserer Kultur die therapeutischen Schätze, die uns in den Märchen gegeben sind, stärker zu pflegen und eine Erzählkultur zu entwickeln: »Märchen […] wirken befruchtend in jenen Seelengründen, aus denen später Lebenshoffnungen aufsteigen und Ideale geboren werden.« (S. 285). Im Anhang finden sich fünf Märchentexte und die acht Phasen der Persönlichkeitsentwicklung nach Erikson. Eine reiche Literaturliste zu allen behandelten Themen bildet den Abschluss.

Der Autor spricht eine Vielfalt an Themen an, da er – zusätzlich zu den bereits genannten – auch Beziehungen zum Leben der Gegenwart bildet. Sicherlich kann durch die angegebene Literatur der Leser vieles selbst vertiefen. Mir gingen jedoch die Zuordnungen der verschiedenen Siebengliederungen und die Abfolge von Angaben zur inneren Schulung im zweiten Teil, so kostbar sie im Einzelnen auch sind, viel zu schnell. Ein tieferes, beispielhaftes Eingehen auf weitere Märchen hätte mir die zugrunde gelegte Siebengliederung näher gebracht. Hier wäre ein gründlicheres Lektorat (bis hin zur Rechtschreibung) von Vorteil gewesen. Für Menschen, die sich für die siebenstufige Entwicklung des Menschen in Geschichte, persönlichem Leben und ihre Darstellung und Förderung durch das Märchen interessieren, bietet das Buch vielfältige Anregungen.

Quelle: Die Drei, Heft 12, 2017

Reihe: Lebenserfahrungen - Lebensweisheiten (TE334)
Erscheinungsdatum: 02.2017
Auflage: 1.
Seiten: 329
Einbandart: kartoniert
ISBN: 978-3-941664-53-1
Beat Frei wurd 1952 in Zürich geboren. Mit achtzehn hat er die Anthroposophie Rudolf Steiners kennen gelernt.Er hat in seinem Leben beinahe durchgehend als Lehrer und Heilpädagoge Klassen geführt. Die letzten fünf Jahre war er auch noch als schulischer Heilpädagoge tätig. Vor über zwanzig Jahren hat ihn seine Liebe zu Geschichten, insbesondere zu den Märchen, zum aktiven Geschichtenerzählen auch ausserhalb der Schule geführt. Er hat viele öffentliche Erzählanlässe organisiert, sowie mehrere Vorträge über das Volksmärchen gehalten. In nächster Zukunft möchte er vermehrt Anlässe zum Thema Erzählkunst und Herzdenken ins Leben rufen. Der Autor lebt in Zürich.
Nach oben