Das zweite Schwert


das neueste Buch des Literatur- Nobelpreisträgers: Eine Maigeschichte

von Peter Handke

Und so mündet der Rachefeldzug in ein Fest, eine bewusste Entscheidung des Erzählers Peter Handke: In die geschriebene Geschichte erhält nur Zutritt, was in der Realgeschichte Bestand hat. Und umgekehrt: Sich vollziehende Geschichte erlangt nur Wirklichkeit, wenn sie des Erzählens wert ist.

EAN 9783518429402

Artikelnummer 9783518429402

Suhrkamp Verlag


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Zurückgekehrt nach jahrelangem Unterwegssein in die Gegend südwestlich von Paris, drängt es den Helden drei Tage später bereits zu einem erneuten Aufbruch. Im Gegensatz zu vorangegangenen Welterkundungen verfolgt er diesmal ein unumstößliches Ziel: »›Das also ist das Gesicht eines Rächers!‹, sagte ich zu mir selber, als ich mich an dem bewußten Morgen, bevor ich mich auf den Weg machte, im Spiegel ansah.« Rache warum? Für die Mutter, die in einem Zeitungsartikel denunziert worden war, dem Anschluss ihres Landes an Deutschland zugejubelt zu haben. Rache an wem? Eine Journalistin, der Urheberin dieser wahrheitswidrigen Behauptungen, die in Tagesentfernung in den Hügeln um Paris wohnte.

Die Erfahrungen all jener Reisenden, die Peter Handke von zu Hause aufbrechen lässt, bestätigen sich jedoch auch hier: »Ich hatte keinerlei Plan ausgeheckt. Es hatte zu geschehen. Andererseits: Es gab ihn, den einen Plan. Aber dieser Plan ist nicht mein eigener.«

Peter Handkes überschäumende und auch sehr witzige Erzählung „Das zweite Schwert“.

Sagte ich etwas über den Titel, ich verriete das Ende. Das ist zwar selbst keine Überraschung, aber wie es entsteht, das muss man lesen. 158 Seiten hat die Erzählung. Lektüre für ein Wochenende und man hat noch Zeit, sich darüber zu streiten. Das wird nicht ausbleiben. Wem immer ich vom Anfang der Geschichte berichtete, winkte ab. Er oder sie wollte nicht mehr davon hören.

„‚Das also ist das Gesicht eines Rächers‘, sagte ich zu mir...“, ist der erste Satz. Ein bisschen angestrengt um Aufmerksamkeit werbend. Aber das „sagte ich zu mir“, das zunächst gar nicht auffallen muss, erweist sich dann als genial. Der Mann, so bekommt man im Laufe der Erzählung mit, möchte sich rächen an einer Frau, die vor vielen Jahren einmal von seiner Mutter behauptet hatte, sie habe mit den Nazis sympathisiert. Er werde jetzt, schreibt der Ich-Erzähler „nach vielen Jahren des Zögerns, des Aufschiebens, in den Zwischenzeiten auch des Vergessens, aus dem Haus gehen und die längst fällige Rache exekutieren“.

Der Mann steigert sich in immer neuen Spiralen in immer groteskere Sätze: „angetan hat die Person etwas, und mehr als nur Unrecht, meiner seligen, meiner heiligen Mutter!... Wer meine Mutter beleidigt hat, und dazu in Worten, womit ihr alle Ehre abgesprochen wurde, muss aus der Welt geschafft werden.“ Es gibt im christlichen Abendland nur eine einzige heilige Mutter. Das ist die Muttergottes. Ihr Sohn ist Jesus Christus. Wir haben es bei dem Ich-Erzähler Peter Handkes mit einer Wiedergeburt von Gerhart Hauptmann Narren in Christo Emanuel Quint zu tun. Einer freilich, die nicht auszieht, um zu predigen, sondern um zu richten.

Der Mann ist verrückt. Daran gibt es keinen Zweifel. Nicht nur an den Stellen, da er ein wenig sehr gewaltig in die Registratur der christlichen Diskussion über die Wiederkehr Christi, die Parusie, greift, sondern womöglich noch mehr, wenn er davon spricht, dass die Zeitungen „auf dem Erdkreis das größte Unheil“ anrichteten. Das hat angesichts der tatsächlich stattfindenden Verheerungen etwas Groteskes.
 
Hier schreit jemand auf, dem alles durcheinander geraten ist, der zwischen Worten und Taten nicht mehr unterscheidet. Weil er nur schreibt und nichts tut, will man, jetzt selbst aggressiv werdend, ihm über den Mund fahren. Aber wer ist er? Wer ist dieses Ich?

Peter Handke ist es sicher nicht. Seine Mutter Maria nahm sich 1972 das Leben. Handke schrieb darüber eines seiner erfolgreichsten Bücher „Wunschloses Unglück“. Dieses Ich ist der Ich-Erzähler. Er hat vieles von Handke und Handke hat womöglich das eine oder das andere auch von ihm.

„Das Zweite Schwert“ ist auch ein komisches Buch, ein witziges sogar. Handke spielt mit absurden Übertreibungen. Die Erzählung beginnt mit einem zu seiner Bluttat ausziehenden Terroristen. Sie endet fast wie ein Fellini-Film mit einer Festgesellschaft.

Dazwischen werden die Gewaltfantasien des einsamen Mannes, sein Hass auf sich in der Öffentlichkeit artikulierende Frauen ausgebreitet. Man begreift, wie er sich immer tiefer einspinnt in die Vorstellung, diese lange zurückliegende Beleidigung, die er selbst schon vergessen hatte, endlich rächen zu müssen. Mit einem Mal denkt man an die Schlacht auf dem Amselfeld im Jahre 1389, und wie Slobodan Milosevic in seiner Amselfeld-Rede 1989 sie nutzte für eine Wiederbelebung des serbischen Nationalismus.

Von Handkes Begeisterung für die serbische Sache ist hier nichts zu merken. Der Ich-Erzähler geht in die Falle seiner eigenen Geschichte. Er macht sich auf, Rache zu nehmen für „das größte Unheil“. Er weiß, wo er sein Opfer findet. Aber er setzt sich nicht ins Auto und fährt zu ihr.

Er nutzt den öffentlichen Nahverkehr. Der Erzähler nutzt ihn ebenfalls. Jeder Mitfahrende wird beschrieben. Man liest das zunächst als Handkes Trick, Spannung zu erzeugen. Aber in Wahrheit ist es so, dass sich auch für den Protagonisten immer neue Menschen zwischen ihn und sein Opfer stellen. Auch ein Blick aus dem Fenster absorbiert ihn.

Dann steigt er – wie er es schon oft tat – einem Mitfahrenden nach, lässt sich von ihm hinauslocken in ein anderes Leben. Er hat die Fahrtrichtung geändert, jagt nicht mehr seinem Opfer entgegen, sondern entspannt sich. Er schaut nicht mehr in den Spiegel und sieht sein Rächergesicht. Er schaut in die Gesichter der anderen, erfindet sich Geschichten zu ihnen. Der einsame Rächer befindet sich mit einem Male in Gesellschaft. In der falschen. Nicht in einer Mörderbande, sondern im Alltag.

Dann kommt der Hunger. Er weiß, wo er essen möchte. Ein Taxi. Jetzt ist die Humanisierung des Rächers durch den öffentlichen Nahverkehr schon so weit fortgeschritten, dass er zusammen mit dem Taxifahrer, der einmal ein bekannter Sänger gewesen ist, Eric Burdons „I believed in fellow men, ... when I was young“ hinaus in die Welt singt.

Auf dem Fest, in das er gerät, sieht er die „Übeltäterin“ im Fernsehen und beschließt, dass es in keiner seiner Geschichten einen Platz für sie geben darf. Das Schweigen ist das zweite Schwert. Das ist seine Rache. Er will kein Alleinspieler mehr sein.

zum Autor:

 

Peter Handke wird am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten) geboren. Die Familie mütterlicherseits gehört zur slowenischen Minderheit in Österreich; der Vater, ein Deutscher, war in Folge des Zweiten Weltkriegs nach Kärnten gekommen. Zwischen 1954 und 1959 besucht Handke das Gymnasium in Tanzenberg (Kärnten) und das dazugehörige Internat. Nach dem Abitur im Jahr 1961 studiert er in Graz Jura. Im März 1966, Peter Handke hat sein Studium vor der letzten und abschließenden Prüfung abgebrochen, erscheint sein erster Roman Die Hornissen. Im selben Jahr 1966 erfolgt die Inszenierung seines inzwischen legendären Theaterstücks Publikumsbeschimpfung in Frankfurt am Main in der Regie von Claus Peymann.

Seitdem hat er mehr als dreißig Erzählungen und Prosawerke verfaßt, erinnert sei an: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1970), Wunschloses Unglück (1972), Der kurze Brief zum langen Abschied (1972), Die linkshändige Frau (1976), Das Gewicht der Welt (1977), Langsame Heimkehr (1979), Die Lehre der Sainte-Victoire (1980), Der Chinese des Schmerzes (1983), Die Wiederholung (1986), Versuch über die Müdigkeit (1989), Versuch über die Jukebox (1990), Versuch über den geglückten Tag (1991), Mein Jahr in der Niemandsbucht (1994), Der Bildverlust (2002), Die Morawische Nacht (2008), Der Große Fall (2011), Versuch über den Stillen Ort (2012), Versuch über den Pilznarren (2013). 

Auf die Publikumsbeschimpfung 1966 folgt 1968, ebenfalls in Frankfurt am Main uraufgeführt, Kaspar. Von hier spannt sich der Bogen weiter über Der Ritt über den Bodensee 1971), Die Unvernünftigen sterben aus (1974), Über die Dörfer (1981), Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land (1990), Die Stunde da wir nichts voneinander wußten (1992), über den Untertagblues (2004) und Bis daß der Tag euch scheidet (2009) über das dramatische Epos Immer noch Sturm (2011) bis zum Sommerdialog Die schönen Tage von Aranjuez (2012) zu Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße (2016).

Darüber hinaus hat Peter Handke viele Prosawerke und Stücke von Schriftsteller-Kollegen ins Deutsche übertragen: Aus dem Griechischen Stücke von Aischylos, Sophokles und Euripides, aus dem Französischen Emmanuel Bove (unter anderem Meine Freunde), René Char und Francis Ponge, aus dem Amerikanischen Walker Percy.

Sein Werk wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Die Formenvielfalt, die Themenwechsel, die Verwendung unterschiedlichster Gattungen (auch als Lyriker, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur ist Peter Handke aufgetreten) erklärte er selbst 2007 mit den Worten: »Ein Künstler ist nur dann ein exemplarischer Mensch, wenn man an seinen Werken erkennen kann, wie das Leben verläuft. Er muß durch drei, vier, zeitweise qualvolle Verwandlungen gehen.«

2019 wurde Peter Handke mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet.

 

Erscheinungsdatum 17.02.2020

160 Seiten
H 19,9 cm / B 12,1 cm / 220 g