Ist alles vergänglich? Was ist Zeit? 

Im Westen erfahren wir heute – insbesondere durch die seit dem Ende des 20. Jahrhunderts zunehmende Digitalisierung der Lebenswelt – eine Beschleunigung der Lebens- und Arbeitsprozesse. Von Osten kommt – ebenfalls mit Ende des 20. Jahrhunderts – eine große Welle an spirituellen Angeboten, seien es Yoga-Kurse oder buddhistische Achtsamkeitsmeditationen.

Einerseits verschwindet die Zeit durch zunehmende Beschleunigung und lässt uns atemlos und erschöpft zurück, andererseits können wir uns aus der Erfahrung östlicher Spiritualität in ein transzendentes Erleben der Zeitlosigkeit zurückziehen.

Von einem Verständnis dessen, was Zeit, was Evolution, was Entwicklung auf der einen, was Ewigkeit, Zeitlosigkeit, Transzendenz auf der anderen Seite eigentlich sind, wird entscheidend abhängen, wie wir als Menschen auf der Erde weiter existieren und leben können.

Die vorliegende Arbeit stellt die Zeitauffassung Rudolf Steiners erstmals anhand einer umfänglichen Textauswahl aus seinem Gesamtwerk vor. Beim Studium der Texte wird deutlich, dass Steiner eine sich am Menschen und seiner Entwicklung orientierende Zeitauffassung ausgebildet hat, in der Zeit nicht mehr ein abstraktes Gefäß darstellt, sondern zu einem vom Menschen selbst gestalteten rhythmischen Geschehen wird.

Inhaltsverzeichnis

Die Entstehung eines neuen Verständnisses der Zeit | Das Erleben der Zeit im Menschen: Das Leib-Seele-Problem und die Bildung des Gedächtnisses | Zeitliche Dimensionen im Verhältnis zwischen Mensch und Kosmos – das Verhältnis von Dauer und Entwicklung | Die «Ich-Dimension» der Zeit – praktische Konsequenzen von Rudolf Steiners Zeitanschauung | Die meditative Erfahrung der Zeit als Zukunftsaufgabe


Rezension

Beginnt mit Donald Trump ein neues Zeitalter? Rissig werdende Atomkraftwerke sind eine Zeitbombe. Noch wenige Jahre, dann kommt das autonome Autofahren. VW will in zehn Jahren eine Million Elektroautos bauen ...

Wer die Probleme der Welt erfassen will, der konzentriert sich auf diese Probleme. Das Werden hingegen, die unvermeidlichen Veränderungen in der Zeit, das Weiterlaufen der Zeit (zumeist in eine Richtung) gleitet wie nebenbei mit – was sich zu ändern hat, worauf dieses Buch aufmerksam macht.

Wir ziehen die festgefügte und nachvollziehbare Richtung der Zeit der Unsicherheit eines Seins vor, das in fortwährendem Werden und Vergehen begriffen ist. Für die Ökologie der Zeit, der dynamischen, ja, auch der apokalyptischen Dimension unserer heutigen Zeit, oder gar für die Zeit als Wesen haben wir kein Bewusstsein. Unser Zeitbewusstsein bedarf jedoch der Schärfung, gerade weil wir zwischen den Extremen leben: Auf der einen Seite verschwindet die Zeit durch eine zunehmende Beschleunigung unseres Alltags, was uns atemlos und erschöpft zurücklässt. Auf der anderen Seite können und wollen wir uns in ein transzendentes Erleben der Zeitlosigkeit zurückziehen. Aber wir haben kein Bewusstsein für die Qualität der Zeit. Ist diese wirklich ein einheitlicher, gleichbleibender Strom?

Wenn dem so wäre, dann würde sich ja alles Leben ständig immer höher und weiter entwickeln. Das ist aber nicht der Fall. Wie wir an uns selbst sehen, aber auch in der lebenden Natur beobachten können, gibt es zwar einerseits ein aufwärts Strebendes, sich immerfort Entwickelndes. Aber es gibt auch das Gegenteil, das abwärts Strebende, den Verfall, das Altern und schließlich das Sterben. Diese Qualität steht der anderen des sich entwickelnden Lebens offensichtlich entgegen. Aufwärts und abwärts gehende Entwicklung stellen also zwei entgegengesetzte Qualitäten der Zeit dar, die auch unterschiedlich erlebt werden, worauf Rudolf Steiner – er spricht von einem »Doppelstrom der Zeit« – schon 1881/82 aufmerksam gemacht hat, und was sich als Grundmotiv durch sein gesamtes Lebenswerk hindurchzieht. Dem spürt Andreas Neider in diesem Buch nach. Unter dem Gesichtspunkt »Zeit im Werk Rudolf Steiners« hat er ausgewählte Texte zusammengestellt und kommentiert, um dadurch notwendiges Zusammenhangswissen zu vermitteln, das einen Zugang zum Verständnis der Zeit im Werk Rudolf Steiners möglich macht.

»Wir müssen anerkennen, dass der Begriff der Zeit in der Form, wie wir ihn im äußeren Leben kennen, gar nicht anwendbar ist, wenn wir vom geistig-seelischen Wesen des Menschen sprechen«, sagt Steiner einmal, womit angedeutet ist, was Neider herausgearbeitet hat. Das Bewusstsein für die Qualität der Zeit ist gegenwärtig ein umkämpftes Feld, wie an dem Aufstieg der Chronobiologie oder der Herzfrequenzvariabilität gezeigt werden kann. Womit aber noch immer nicht viel über das Geheimnis der Zeit ausgesagt ist. Was also ist dieses rätselhafte Fluidum, in dem sich alles bewegt, was lebt, sich entwickelt und wieder vergeht?

Im Werk Rudolf Steiners finden sich, wenn auch verstreut, zahlreiche Ausführungen zu Wesen und Geheimnis der Zeit. Neider erwähnt, ohne dies zu vertiefen, was für ein reizvolles Unterfangen es wäre, etwa die Relativitätstheorie Albert Einsteins, die Philosophie Martin Heideggers in ›Sein und Zeit‹, das innere Zeitbewusstsein Edmund Husserls oder die Arbeiten Hartmut Rosas über die Beschleunigung der Zeit, das Verhältnis zur Zeit im Christentum oder im Buddhismus danebenzustellen.

Aber warum, so lässt sich fragen, beschäftigt sich Rudolf Steiner so fokussiert über 35 Jahre mit der Leib-Seele-Problematik, während die Zeitproblematik nur verstreut, scheinbar nebenher bearbeitet wird? Die Antwort kann nur darin liegen, dass die Zeitproblematik der Frage nach dem Zusammenhang von Leib und Seele immanent ist. Das hat mit den beiden schon erwähnten Zeitströmen zu tun, also Evolution und Devolution, was wiederum auf den Menschen verweist, den aufbauenden Kräften des Stoffwechsel-Gliedmaßen-Systems einerseits wie den abbauenden Kräften des NervenSinnes-Systems anderseits – und damit zu der eigentlichen Fragestellung des Buches führt: Worauf beruht, leiblich betrachtet, das seelische Erleben des Menschen, und auf Grundlage welcher leiblichen Vorgänge wird folglich auch die Zeit seelisch erlebt? (S. 105)

Eine Antwort darauf entwickelt Neider in einem Kapitel, in dem »das Herz als Organ der Zeit« vorgestellt wird. Sensibel arbeitet er heraus, dass das Herz als Schicksalsorgan die Grundlage für die Entwicklung des Ichs und damit der eigentlichen menschlichen Zeit bildet (S. 425). Aber nicht nur dem Herzorgan, auch der Atmung kommt in diesem Kontext eine kaum zu überschätzende Bedeutung zu. Die Physiologie des »Geheimnisses, das da waltet zwischen Lunge und Herz«, ist für das Zeitverständnis von Steiner von allererstem Rang – was sich gerade heute dank der zunehmenden Erforschung chronobiologischer Zusammenhänge bestätigen lässt. Damit wird aber auch klar, dass ein Bewusstsein der Zeit sich stets mit zeitlich-rhythmischen Vorgängen, d.h. dem Ätherischen, unbedingt zu befassen hat.

Stets sollte sich der Leser dieses Buches bewusst sein, dass Steiner das Thema »Zeit« praktisch nie explizit behandelt hat – was nicht ausschließt, dass er – wenn es in den ›Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften‹ um das Verhältnis von Dauer und Entwicklung geht – dann doch klarstellt, dass es im Bereich der Dauer, also in dem Bereich, in dem das Geistig-Seelische des Menschen eigentlich lebt, keine Zeit gibt. Zeit tritt nur im Bereich des Physisch-Lebendigen, der Erscheinungen auf, sie hat mit dem Wesen einer Sache zu tun.

Wir müssen, so resümiert Neider, ein Gespür dafür entwickeln, wie dringlich das Erwachen für das Wesen der Zeit ist. Denn es geht dabei um das Verständnis der Vorgänge des Werdens und Vergehens und mithin auch um das Verständnis von Geburt und Tod. An diesem Erwachen werden wir permanent gehindert, was Steiner als Zeichen dafür ansieht, dass unsere Zeit eine apokalyptische ist. Das ist heute, wie Neider feststellt, mehr denn je der Fall, denn »die Zeit und das Bewusstsein der Zeit stehen in der Gefahr, immer mehr von digital-technologischen Prozessen gesteuert zu werden«. Wie also kommen wir aus dieser mit dem Materialismus verbundenen Krise des Zeitbewusstseins heraus? Oder anders gefragt: Wie kann ein neues Zeitbewusstsein unter den Menschen der Gegenwart entstehen?

In Zeiten, in denen es scheinbar keine Utopien mehr gibt – wie es gerne von jenen, die selbst ratlos sind, behauptet wird – bietet dieses Buch eine Fülle von weiterführenden Anregungen: Wie kann es gelingen, das Erwachen für das Wesen der Zeit mit in die Suchbewegung zu nehmen, wenn es um ein Neudenken der Zukunft geht? So könnte dieses Buch sich noch als Epochenbuch herausstellen, also zum Korridor ins Neuland werden, um die nun anbrechende Zeit dann auch mit einem erwachten Bewusstsein der Zeit selbst gestalten zu können.

Quelle: Die Drei, Heft 5, 2017

Erscheinungsdatum: 08.06.2016
Auflage: 1.
Seiten: 600
Einbandart: gebunden, mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-7725-1908-6

Der Mensch und das Geheimnis der Zeit

Zum Verständnis der Zeit im Werk Rudolf Steiners

von Andreas Neider

Die vorliegende Arbeit stellt die Zeitauffassung Rudolf Steiners erstmals anhand einer umfänglichen Textauswahl aus seinem Gesamtwerk vor. Beim Studium der Texte wird deutlich, dass Steiner eine sich am Menschen und seiner Entwicklung orientierende Zeitauffassung ausgebildet hat, in der Zeit nicht mehr ein abstraktes Gefäß darstellt, sondern zu einem vom Menschen selbst gestalteten rhythmischen Geschehen wird.


EAN 9783772519086

Hersteller: Freies Geistesleben

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