Der siebte Saal: Fernando Pessoa "Botschaft" von ihm selbst entschlüsselt

Die "Botschaft" wird durch einen Essay über Pessoas Lebensgang und Materialien aus der Feder des Dichters erhellt. Nationale Geschichte und menschheitlicher Mythos verschmelzen in der "Botschaft" in überraschender Weise und lassen vor dem inneren Auge des Lesers eine ungewöhnliche Welt erstehen, die über die historischen Ereignisse hinaus Pessoas esoterisch-poetisches Universum ausmacht.

Autor
Fernando Pessoa, Günter Kollert

Hersteller
Verlag am Goetheanum

EAN
9783723515624


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Der tiefschürfende und rätselhaft mythische Gedichtzyklus „Botschaft“ verrät uns etwas von Fernando Pessoas wahrem Antlitz. 44 formvollendete Gedichte entfalten den mittelalterlichen Ursprung Portugals und lassen ihn im Gewande eines gegenwärtigem Mythos erscheinen. In eindringlichen Bildern erzählen sie vom weltgeschichtlichen Auftrag Portugals, im Dienste des Zeitgeistes zu den Entdeckungsfahrten „bis an die Enden der Erde“ aufzubrechen. Sie münden in die Vision einer ersehnten Menschheitszukunft, die in dem Mythos des verhüllten Königs Dom Sebastião gipfelt. Die „Botschaft“ wird durch einen Essay über Pessoas Lebensgang und Materialien aus der Feder des Dichters erhellt. Nationale Geschichte und menschheitlicher Mythos verschmelzen in der „Botschaft“ in überraschender Weise und lassen vor dem inneren Auge des Lesers eine ungewöhnliche Welt erstehen, die über die historischen Ereignisse hinaus Pessoas esoterisch-poetisches Universum ausmacht.


Rezension

Fernando Pessoas Dichtkunst ist zutiefst mit Portugal verbunden, sie hat sich eingeschrieben in das Land, die Sprache, die Nation seiner Zeit – vielmehr dem Ideal dieser Nation, wie es uns bei Pessoa entgegenleuchtet. Seine Dichtung ist ein Geschenk an die Portugiesen, das sie an ihr höheres Sein anbinden möchte.

Gleichzeitig kann diese Dichtung den Leser von heute, der vielleicht in einem anderen Land und einer anderen Sprache beheimatet ist, auch durch eine Übersetzung hindurch so individuell und tief berühren, dass er sich von Pessoa verstanden fühlt, ja sich geradezu durch seine Worte neu verstehen lernt.

Wer war dieser Sprach- und Bilder-Zauberer, der solches bewirken kann? Wer war der Dichter, der fast 50 Jahre nach seinem Tode – in den 1980er Jahren – zur Leitfigur einer ganzen Generation wurde?

Pessoas Leben und Werk hat legendären Charakter. 1888 in Lissabon geboren, verbrachte er seine Jugend in Südafrika und studierte anschließend Literatur in seiner Geburtsstadt. Danach führte er ein unauffälliges Leben als Handelskorrespondent, in dem er sich nur selten als Schriftsteller offenbarte. Nach seinem frühen Tod 1935 wurden in einer riesigen Truhe über 30.000 beschriebene Seiten entdeckt: zahllose Gedichte, dramatische Skizzen, tagebuchartige Aufzeichnungen und Notizen (die 1982 unter dem Titel ›Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernard Soares‹ zum Kultbuch wurden), politische und soziologische Schriften … Der stille Beobachter Pessoa hinterließ einen epochalen Nachlass, der bis heute noch nicht vollständig aufgearbeitet ist.

Als Dichter schuf sich Pessoa mehrere Parallelpersönlichkeiten, »Heteronyme«, die er sogar mit vollständigen Biografien ausstattete. Sie brachten Werke in jeweils eigenem Stil hervor. Pessoa, der sich selbst »nüchternen Wahn« bescheinigte, verfügte mit ihnen über eine Vielfalt von unabhängigen und trotzdem authentischen Stimmen: Álvaro de Campos, Alberto Caeiro und Ricardo Reis sind »Individualitäten, die von ihrem Autor als verschieden betrachtet werden müssen. Jede von ihnen bildet eine Art Drama, und alle zusammen bilden ein weiteres Drama … ein Drama in Leuten anstelle eines Dramas in Akten. Ob diese drei Individualitäten mehr oder weniger real sind als Fernando Pessoa selbst – das ist ein metaphysisches Problem, das dieser fern vom Geheimnis der Götter und unwissend, was Wirklichkeit sein, niemals wird lösen können.« Darüber hinaus hat Pessoa, der seinen Geschöpfen durchaus auch kritisch gegenüber stehen konnte (über Álvaro de Campos schrieb er: »Er produzierte diverse Kompositionen überwiegend skandalöser und irritierender Art, vor allem für Fernando Pessoa, der auf jeden Fall keine andere Abhilfe sieht, als sie zu verfassen und zu veröffentlichen, wie sehr er sie auch ablehnt.«), auch unter »Orthonym« geschrieben und gedichtet. Und unter seinem eigenen Namen ist auch das einzige Buch erschienen, das er zu Lebzeiten veröffentlicht hat: ›Menagem‹, die ›Botschaft‹.

Wer die Gedichte Pessoas und seiner Heteronyme kennt, wer sich in den musikalisch modulierenden Beobachtungen des Kleinsten, der immer Gleichen und dem Zelebrieren des Schmerzes im ›Buch der Unruhe‹ verloren und wiedergefunden hat, dem zeigt sich in der ›Botschaft‹ noch eine weitere Seite des großen portugiesischen Poeten: seine Verbundenheit mit den nationalen Mythen Lusitaniens. 

Die ›Botschaft‹ ist ein sorgsam komponierter Zyklus von 44 Gedichten, der sich in drei Teile gliedert. Der erste ist dem portugiesischen Wappen nachgebildet: Auf zwei Feldern finden sich sieben Burgen und fünf Schilde, darüber Krone und Helmzier in Greifengestalt. In insgesamt 19 Gedichten wird jedem einzelnen Motiv eine Persönlichkeit der portugiesischen Geschichte zugeordnet und der Bogen von der sagenhaften Gründung Lissabons durch Odysseus bis zum Goldenen Zeitalter unter João von Avis und seinen Söhnen gespannt.

Und hier geschieht nun das »pessoanische Wunder«: Auch ohne die Geschichte nur im Geringsten zu kennen, kann der Leser unmittelbar eintauchen in die Stimmung, die Empfindung, die eine bestimmte Persönlichkeit und ihr geschichtlicher Umkreis auslösen kann – die Gedichte sprechen sie in einer nicht mit dem Verstand zu greifenden Tiefe aus. Beim Lesen der Erläuterungen entsteht dann das Gefühl, dass einem das Fremde nicht mehr ganz fremd ist, dass man schon berührt wurde vom Genius Portugals, den Pessoa gleich zu Beginn als das »Antlitz Europas« bezeichnet.

Das gilt auch für die anderen beiden Teile der ›Botschaft‹. Teil zwei heißt das ›Portugiesische Meer‹: In 12 Gedichten entfaltet Pessoa die inneren Motive der großen Entdecker wie Heinrich der Seefahrer, Vasco da Gama und Magellan (Magalhães) – und berührt damit ein nationales Heiligtum: Die ›Lusiaden‹ des 1524 geborenen portugiesischen Nationaldichter Luis de Camões, in denen die Epoche der Eroberungen in fast schon romantischer Weise überhöht und mythologisiert wird.

Teil drei ist dem »Verhüllten« gewidmet: Dom Sebastião, dem 1578 auf dem nordafrikanischen Schlachtfeld eines überstürzten Kreuzzuges verschwundenen jugendlichen König, der, so sagt die Legende, in der größten Not zurückkommen und sein Volk erretten wird: »Wo immer du, zwischen Schatten und Worten, / ruhen magst, oh fern Entrückter, fühl dich geträumt, / erstehe aus den Wurzeln deines Nicht-Seins / und erfülle deine neue Bestimmung!«

Fünf Symbole, drei Ankündigungen und fünf (Ge)Zeiten – zwischen den zwei zyklischen Fünfheiten, in denen sich Seele und Geist dessen, was Portugal für Pessoa ist, was es sein kann zwischen Mythos und Meer, aussprechen, stehen die drei Verkünder des »Sebastianismus«: der arme Schuster Bandarra, der Prediger António Vieira und der Dichter selbst.

Der Herausgeber, Günter Kollert, hat eine tiefe Beziehung zum portugiesischen Sprachraum, er verbrachte Teile seiner Jugend in Lissabon und war später als Priester der Christengemeinschaft lange in Brasilien tätig. Für ›Der Siebte Saal‹ hat Kollert die Gedichte neu übersetzt und mit einem einleitenden Essay sowie einem ausführlichen Anhang versehen, für den er Textstellen aus Pessoas Werk ausgewählt hat, welche die inneren Bezüge der Gedichte und ihre Hintergründe beleuchten. Es ist nicht das erste Werk Kollerts, dass sich mit Portugals großer Vergangenheit befasst: ›Der Gesang des Meeres. Die portugiesischen Entdeckungsfahrten als Mythos der Neuzeit‹ (Frankfurt am Main 2000) beschreibt detailliert die legendäre Geschichte der lusitanischen Seefahrer. Sein neues Werk ist zugleich Verdichtung und Erweiterung dieses Themas, wenn er mit Pessoa tief in die mythologischen und esoterischen Hintergründe der portugiesischen Geschichte eintaucht.

Die Dreiteilung des Gedichtzyklus spiegelt sich in der dreigeteilten Gestalt des Buches, dessen Herzstück natürlich die 44-strophige ›Botschaft‹ bildet. Man kann es in alle Richtungen lesen – Einleitung wie Materialien beziehen sich direkt auf die Gedichte und sind gleichzeitig Fundgruben für eine eigene Gedankenbildung, so dass ein Hin- und Herspringen zwischen Gedicht und Erläuterung genauso möglich ist wie ein lineares Lesen. Es gibt viel zu entdecken – in Kollerts kundigem und weite Perspektive eröffnendem (wenngleich manchmal etwas arg fremdwortlastigen) Essay, in dem auch Pessoas Verbindungen zur Theosophie und zum Rosenkreuzertum einbezogen werden, und in der geschickt zusammengestellten Materialsammlung, die viele Facetten von Pessoas Gedankenwelt offenbart, zum Beispiel die Beschreibung der Entdeckungsfahrten – Portugals historischer Tat – als »Unternehmen der Einbildungskraft«. 

Pessoa wollte »ein Schöpfer von Mythen sein, das ist das größte Mysterium, welches man als Glied der Menschheit wirken kann«. Seiner sehr individuell erlebten Esoterik entsprangen großartige Betrachtungen, wie die über den Christusorden, der 1318 zum Schutz der portugiesischen Templer gegründet worden war, und den er als zeitloses Abbild einer geistigen Gemeinschaft empfand. Kollert sieht Pessoa als einen Dichter der Schwelle – er tritt an den Abgrund heran und besiegt ihn, indem er ihn besingt: »Innerlich durchlitt ich die Bestrebungen aller Zeitalter und mir mit wandelten, am hörbaren Ufer des Meeres, die Beunruhigungen aller Zeiten.« Mit Pessoa an der Schwelle zu stehen, kann zu einem inneren Ereignis werden. Und sein tiefgründig-poetischer Traum von Portugal lässt ahnen, welche besondere Mission dem kleinen Land am westlichen Rande Europas aus seinen transzendenten, ins Menschheitliche strebenden Mythen heraus erwachsen kann. Kollerts Buch regt an, Pessoa, dem Dichter Portugals, näher zu kommen. 

Quelle: Die Drei, Heft 10, 2016

Kartoniert: 160 Seiten, m. Abb.
Auflage: 1.  ab 31.03.2016
Sprache: Deutsch übersetzt aus dem Portugisischen von Günter Kollert
Größe und/oder Gewicht: 13 x 20 cm
ISBN-13: 978-3-7235-1562-4
 
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