Rudolf Steiner hat in seinen gesellschaftspolitischen Schriften, Vorträgen und Initiativen den Begriff des sozialen Organismus geprägt und die Notwendigkeit einer Dreigliederung dieses Organismus dargestellt. In den meisten Büchern und Aufsätzen, die sich seither mit dieser Thematik auseinandersetzen, werden vor allem Fragen nach der äußeren Gestaltung der kulturellen, staatlichen oder wirtschaftlichen Einrichtungen behandelt, kaum jedoch wird auf die spirituelle Seite des sozialen Organismus eingegangen. Dabei hat Rudolf Steiner es vor allem als notwendig angesehen, dass die Menschen durch eine Erneuerung und Spiritualisierung des geistigen Lebens zu einem fruchtbaren sozialen Wirken kommen.

Dietrich Spitta zeigt daher, dass der soziale Organismus nur unzureichend zu verstehen ist, wenn nicht auch sein Zusammenhang mit der geistigen Welt berücksichtigt wird. Wie dieser Zusammenhang gefunden werden kann und wie wir daher zu einer Erkenntnis des menschlichen Wesens kommen können, wird ausführlich dargelegt. Durch die spirituelle Entwicklung des Menschen kann sich schließlich auch ein soziales Denken, Fühlen und Wollen entfalten. Die gesunde Entwicklung eines sozialen Organismus hängt also entscheidend davon ab, dass ein geistiges Streben und eine Weiterentwicklung der Menschen stattfindet.

Inhaltsverzeichnis

1. Vom Wesen des sozialen Organismus
2. Wie ist eine wissenschaftliche Erkenntnis des Spirituellen möglich?
3. Die spirituelle Begründung der Dreigliederung des sozialen Organismus
4. Der soziale Organismus als siebengliedriger Tempelbau
5. Die physische Organisation des sozialen Organismus als viergliedriger Gedankenorganismus
6. Erde und Mensch als viergliedriger Organismus
7. Zur zukünftigen Entwicklung des sozialen Lebens

Anhang: Das politische Interesse Rudolf Steiners und sein Wirken für die Heilung des sozialen Lebens.
Die Vertiefung der Naturerkenntnis durch Geisterkenntnis und ihre Bedeutung für die Gesundung des sozialen Lebens.


Rezension

Als 1989 die Mauer fiel und die große Ost-West-Konfrontation überwunden schien, da glaubten manche schon an neue Möglichkeiten eines friedlichen Zusammenwachsens der Weltgemeinschaft. Doch die Gegenwart nach diesem Vierteljahrhundert spricht eine andere Sprache: Die Finanz- und Staatsverschuldungskrise hat weltweit die Labilität der etablierten neoliberalen Ordnung offenbart, terroristische und kriegerische Auseinandersetzungen treiben Millionen Menschen in die Flucht, die ökologischen Probleme spitzen sich zu und das ArmReich-Gefälle droht die Gesellschaft zu spalten. Die zutage tretende Verunsicherung und Orientierungslosigkeit zeigt sich einerseits in den verschiedensten pragmatisch-realpolitischen (häufig Nationalismen reanimierenden) »Lösungsvorstellungen« und andererseits in einer subjektiv erlebten »Resignation«, die gegenwärtig keine Entwicklungen im Großen mehr  für möglich hält und sich deshalb auf »innere Fragen« zurückzieht.

Wie ein Sinn stiftendes Licht leuchtet in diese Situation ein Buch des 1926 in Istanbul geborenen Rechtsanwaltes und renommierten Humboldtforschers Dietrich Spitta, das den Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus Rudolf Steiners sowohl in seiner gesellschaftlichen als auch in seiner menschenbildenden, spirituellen Dimension zur Darstellung bringt. Es ist ein Buch, das in seiner gelassenen Dramatik wohl nur aus den Erfahrungen und der Überschau eines langen, forschenden und initiativen Lebens in der vollen Hingabe zur Anthroposophie geschrieben werden konnte. Spitta begnügt sich nicht damit, die Grundprinzipien der Sozialen Dreigliederung zu repetieren, auch führt er nicht abstrakt in die Fragen innerer Schulung ein, sondern ihm geht es um das Verdeutlichen eines unmittelbaren Zusammenhanges des sozialen Lebens mit geistiger Wirklichkeit – d.h., »dass eine Lösung der sozialen Frage nicht allein durch äußere Einrichtungen, sondern nur durch eine spirituelle Weltanschauung möglich ist, durch welche die Menschen wieder in eine reale Verbindung mit den über ihnen stehenden geistigen Wesenheiten kommen können und von denen sie Ideen und Impulse für ihr soziales Wirken und für ihre moralische Entwicklung empfangen können«.

Das Buch umfasst sieben in sich mehrfach gegliederte Kapitel. Im ersten unterscheidet Spitta Rudolf Steiners Begriff des »sozialen Organismus« von früheren biologistischen oder mechanistischen Auffassungen, etwa von Rousseau, Adam Müller, Albert Schäffle oder Rudolf Kjellen. Diese Klärung ist grundlegend, da Steiner einerseits nicht den Staat, sondern »die ganze Erde, als Wirtschaftsorganismus gedacht«, als »sozialen Organismus« bezeichnet, zugleich aber betont, dass der Begriff des Organismus nicht ausreicht, sondern durch die Begriffe des Psychismus und Pneumatismus ergänzt werden muss, da der individuelle Mensch »in die geistige Welt hineinragt«, seine eigentlich menschlichen Impulse also gar nicht aus der bestehenden äußeren Ordnung gewinnen kann. Dementsprechend fragt das zweite Kapitel nach einer »wissenschaftlichen Erkenntnis des Spirituellen«. In der Bezugnahme der intimen methodischen Schilderung eines vertieften Erkenntnisweges zur unmittelbar erlebten sozialen Wirklichkeit liegt das Besondere dieses Buches. Spitta gelingt es, die differenzierte Darstellung geistiger Wesenheiten in ihrer Beziehung zu konkreten Fragestellungen des sozialen Lebens zu entwickeln (Kapitel III). Im Weiteren konkretisiert Spitta die durch die Ausbildung der höheren Erkenntnisstufen Imagination, Inspiration und Intuition sich eröffnenden Einsichten in das Wirken der geistigen Wesenheiten (Engel, Erzengel, Archai) und deren Bedeutung für das Gemeinschaftsleben der Menschen. Durch Umbildung und Verwandlung der drei Wesensglieder Astralleib, Ätherleib und Physischer Leib durch die Tätigkeit des Ich in die höheren Wesensglieder Geistselbst, Lebensgeist, und Geistesmensch erwirbt sich der Mensch die Fähigkeiten zur Neugestaltung der sozialen Glieder Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftleben und wird so Mitgestalter am zukünftigen »siebengliedrigen Tempelbau« (Kapitel IV). Im fünften Kapitel beschreibt Spitta die physische Organisation des sozialen Organismus als »viergliedrigen Gedankenorganismus«: Er vergleicht dabei die Beständigkeit der sozialen Korporationen mit dem Physisch-Leiblichen; die Vielgestaltigkeit der wirtschaftlichen Verträge mit dem »Flüssigkeitsorganismus des Menschen«; die Gesetze des Staatslebens – »welche den Menschen ermöglichen, innerhalb des gesamten sozialen Organismus die Luft der Freiheit zu atmen« – mit dem Luftorganismus; und die Erkenntnisse des geistigen Lebens mit dem Wärmeorganismus. Im sechsten Kapitel zeichnet Spitta Rudolf Steiners Darstellungen zur Erde als lebendigem und beseeltem Organismus nach und »wie der mit diesem Seelenhaften der Erde verbundene Christus« die Erdenentwicklung mit der kosmischen »Sternen- und Sonnenkraft« durchdringt. In der Verbindung mit dem Christus kann die in der Verkörperung vereinzelte Seele den Zusammenhang mit der »ursprünglichen Menschheitsseele« wiederfinden und somit die Wesensgrundlage einer neuen Sozialität. Der »künftigen Entwicklung des sozialen Lebens« in den großen Rhythmen der Kulturepochen und kosmischen Wandlungen der Erde ist das letzte Kapitel gewidmet, wobei Spitta eindringlich die Frage bewegt, in welcher Art ein »geistiger Vorblick in die Zukunft« überhaupt als möglich zu denken ist. Hier dringt der Text noch einmal – in der Spitta eigenen schönen Nüchternheit und klaren Gedankenführung – in die Kernfrage des »sozialen Organismus als Mysterium«: »Geistig gesehen entspricht jedem Bild der Vergangenheit auch ein solches der Zukunft, allerdings in einem Keimzustand, in den fortwährend die Wirkungen dessen einströmen, was auf der Erde geschieht«. Ausführlich wird in diesem letzten Kapitel insbesondere die »Möglichkeit der Freiheit« behandelt, durch deren Realität der Mensch selbst auf verschiedener Entwicklungsebene »die freie Wahl zu treffen hat zwischen dem Guten und dem Bösen«.

Diesen sieben Kapiteln folgen noch zwei Anhänge, in denen Spitta einerseits Rudolf Steiners politisches Interesse und die konkreten Stationen seines Wirkens für eine soziale Erneuerung sowie andererseits die Notwendigkeit einer Vertiefung der Naturerkenntnis und ihre Bedeutung für die Gesundung des sozialen Lebens skizziert, indem er sich u.a. den Folgen und der Überwindung des Sozialdarwinismus durch eine geisteswissenschaftliche Sicht der Evolution widmet. Ein umfangreicher Anmerkungsteil beschließt das Buch.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Dietrich Spitta mit diesem Buch einen wichtigen Beitrag zur anthroposophischen Sozialwissenschaft gegeben hat, weil er aufzeigt, dass die häufig geradezu antithetisch gegenüberstehenden Bereiche »innerer« Schulung und »äußerer« Sozialgestaltung intim zusammengehören. Durch den gediegenen Aufbau des Buches einerseits sowie durch die enorm vielfältigen Querverweise ist dieses Buch nicht allein für eine Erstbegegnung mit der sozialen Perspektive der Anthroposophie geeignet, sondern es wird auch dem »Kenner« manch neue Anregung geben können.

Quelle: Die Drei, Heft 3, 2016

Erscheinungsdatum: 08.2015
Auflage: 1.
Seiten: ca 304
Einbandart: gebunden
Extras: mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-7725-2634-3

Der soziale Organismus als Mysterium

Spirituelle Grundlagen des menschlichen Lebens

von Dietrich Spitta

Unser soziales Leben hängt mit unserer geistigen Weiterentwicklung unmittelbar zusammen - so der ausführlich erläuterte Ansatz dieses Buches. Ein sozialer Organismus hat immer auch eine spirituelle Dimension und muss sich vom Wesen des Menschen und seinen Fähigkeiten her bestimmen. Mit dieser Darstellung trägt Dietrich Spitta zu einer wesentlichen Vertiefung sozialer Ideen bei.


EAN 9783772526343

Hersteller: Freies Geistesleben

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