1924 hat Rudolf Steiner den Toneurythmiekurs «Eurythmie als sichtbarer Gesang» gehalten. Begleitend zur Neuausgabe des Kurses liegen hier von fünfzehn Musikern und Eurythmistinnen Beiträge vor, die  grundlegende Themen der Toneurythmie eingehend behandeln. Dieses «Handbuch» will Anregung geben für ein vertiefendes Studium und die eigene toneurythmische Arbeit.


Rezension

Als Eurythmiestudentin kam ich vor vielen Jahren zum ersten Mal mit dem Zyklus »Eurythmie als sichtbarer Gesang«, dem sogenannten Toneurythmiekurs von Rudolf Steiner, in Berührung. Welche Entdeckungen gab es da zu machen! Wie genau haben wir jedes Wort genommen, und uns manchmal geradezu gestritten, was ein Komma oder Hilfsverb zu bedeuten habe. Einigermaßen ernüchternd war es dann, später zu entdecken, dass den Vortragsnachschriften nicht unbedingt immer bis aufs letzte Wort getraut werden darf. Und so begann ich, mir langsam ein freies und immer wieder prüfendes Verhältnis zu den Inhalten zu erarbeiten – ein Weg, den wohl jeder zu gehen hat, der sich mit anthroposophischen Inhalten tiefer verbindet.

Das vorliegende Buch, das der neue Leiter der Sektion für Redende und Musizierende Künste, Stefan Hasler, in Zusammenarbeit mit 14 weiteren Autoren erstellt und herausgegeben hat, gibt Einblicke in solche eigenständigen Wege im Umgang mit Steiners Werk. Die Aufsatzsammlung flankiert die geplante Neuherausgabe des Toneurythmiekurses Eurythmie als sichtbarer Gesang, die für März 2015 vorgesehen ist. Im Vorwort wird von nicht publiziertem Material, Korrekturen der Textnachschrift und besonders von einer Auflistung der von Rudolf Steiner verwendeten musiktheoretischen Bücher gesprochen. Die Neuausgabe wird einen erheblich erweiterten Umfang von über 600 Seiten haben, man darf also gespannt sein, was in den Tiefen des Archivs entdeckt worden ist. Der bereits im letzten Frühjahr erschienene Begleitband ist der individuell forschenden Beschäftigung mit dem Tonkurs aus verschiedenen Arbeitszusammenhängen heraus gewidmet. Stefan Hasler hat Musiker, Eurythmisten, Pädagogen und einen Mediziner gewonnen, die eigenen Ansätze zu formulieren. Da ist vom biografischen Abriss bis zur wissenschaftlichen Abhandlung alles vertreten: ein Lesebuch des persönlichen Umgangs mit der Toneurythmie und ihren Grundlagen.

Stefan Hasler selbst und Alan Stott, der vor etlichen Jahren eine kommentierte Ausgabe des Toneurythmiekurses in englischer Sprache besorgte und regelmäßig im Sektionsrundbrief seine Forschungsergebnisse präsentiert, werfen in zwei grundlegenden Artikeln einen Blick auf den Kurs als Gesamtheit. Stott wählt das Mittel einer Erlebnisschilderung: Wie würde eine junge Eurythmistin von heute die Inhalte des Kurses reflektieren, wenn sie »dabei« gewesen wäre? Hasler hat zuvor einen profunden Gang durch die Konzeption des Werkes unternommen und inhaltliche wie formale Korrespondenzen in Verhältnisse gebracht. Es ist immer ein Abenteuer, die vielen Zusammenhänge, die allein der Formgestalt eines Vortragszyklus von Rudolf Steiner zugrunde liegen, zu entdecken – und ebenfalls sehr spannend, sich auf die so gefundene Grundlagengliederung eines anderen Lesers einzulassen.

Nach Shaina Stoehrs zusammenfassenden Ausführungen über den Sonderfall der Tonheileurythmie widmet sich Ingrid Everwijn zunächst dem ersten Vortrag des Kurses. Im Vergleich von Goethes und Steiners Tonlehre beschreibt sie dabei vor allem menschenkundliche Aspekte zur Dur-Moll-Polarität, aus denen Steiner hier die Toneurythmie entwickelt. Der Arzt Albrecht Warning schließt medizinische Kommentare zu den in diesem Vortrag aufgeworfenen Fragen an.

Michael Kurtz und Johannes Greiner setzen sich anschließend mit zwei sehr unterschiedlichen Komponisten auseinander, die im Tonkurs eine Rolle spielen. Greiner macht mit dem relativ unbekannten Joseph Matthias Hauer und dessen musikalischem Denken, das Rudolf Steiner gerade in Bezug auf die Toneurythmie wichtig war, bekannt. Vorher hat Kurtz sehr differenziert die verschiedenen Aussagen Steiners zur Musik Richard Wagners betrachtet, wobei er in Bezug auf die Toneurythmie zu interessanten Schlussfolgerungen kommt.

Einen gewichtigen Teil des Bandes nimmt die Auseinandersetzung mit dem TAO ein. Vier Artikel beleuchten Steiners »eurythmische Meditation« von musikalischer, eurythmischer und geschichtlich-philosophischer Seite. Dabei werden von Matthias Bölts und Ulrich Kaiser in zwei längeren Beiträgen viele interessante Hintergrundinformationen geliefert und der Weg des TAO vom alten China über die esoterischen Traditionen nach Europa dargelegt. Elsemarie ten Brink setzt TAO und IAO in weite christologische Zusammenhänge, während Carina Schmid den Leser am eigenen Übungsweg mit dem TAO teilnehmen lässt – ein Beitrag, der mich besonders berührt hat.

Ähnlich persönlich und interessant lesen sich die Ausführungen von Melaine MacDonald über den Tonansatz. Der reich bebilderte Beitrag von Albrecht Warning birgt echte Schätze zum Verständnis des Schlüsselbeinansatzes aus physiologischer Sicht, die Holger Lampson um musikalische Gesichtspunkte, vor allem aus der vergleichenden Betrachtung von Gesang und Eurythmie, bereichert.

Ein weiteres Kapitel wendet sich den Ursprüngen der Toneurythmie zu, also ihrer Entwicklung bis hin zum Toneurythmiekurs. Dabei schildert Margrethe Solstad ihren Übungsweg mit den Angaben zur Gestaltung der Töne als Tonleiterstufen, die es bereits seit 1915 gab und die als Ursprung aller musikalisch-eurythmischen Bewegung gelten können. Ingrid Everwijn und Wolfram Graf widmen sich schließlich noch sieben Komponisten und ihrer Musik, die im Umfeld der Bemühungen um die Toneurythmie entstanden ist. Eine beeindruckend lange Liste aller zu Steiners Lebzeiten entstandenen eurythmischen Formen zu Musik findet sich im Anhang. Hier sind auch die Anmerkungen zu den einzelnen Artikeln versammelt, die teilweise noch einmal eine richtige Fundgrube für Detailinformationen darstellen.

Insgesamt bietet der Band ein bunt gemischtes und vielfältiges, oft sehr persönlich gehaltenes Spektrum der Arbeit mit dem Toneurythmiekurs. Welchen Ansätzen man dabei folgen mag, bleibt dem Leser überlassen – interessante Anregungen für die eigene Arbeit und Vertiefung in verschiedene Aspekte von musikalisch-eurythmischen Zusammenhängen können hier jedenfalls nicht nur Eurythmisten finden.

Quelle: Die Drei, Heft 5, 2015

 
Auflage: 1.
Erschienen: im März 2014
Einband: kartoniert
Format: 14,8 x 21, 5 cm
Seiten: ca. 300

ISBN: 978-3-7235-1507-5

Der Toneurythmiekurs von Rudolf Steiner

von Stefan Hasler (Hg.)

1924 hat Rudolf Steiner den Toneurythmiekurs "Eurythmie als sichtbarer Gesang" gehalten. Begleitend zur Neuausgabe des Kurses liegen hier von fünfzehn Musikern und Eurythmistinnen Beiträge vor, die grundlegende Themen der Toneurythmie eingehend behandeln. Dieses "Handbuch" will Anregung geben für ein vertiefendes Studium und die eigene toneurythmische Arbeit.


EAN 9783723515075

Hersteller: Verlag am Goetheanum

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