Rezension

Eine Steigerung der Aufmerksamkeit durch Meditation führt zu spirituellen Fähigkeiten. Die Früchte dieses Tuns wirken sich zwar im Menschen selbst aus, gehören aber zugleich nicht mehr ihm allein, sondern in die Welt. In ihrem Buch Geistesgegenwart und Schöpferkraft. Vom Menschen-Welten-Begegnen zum Zeitgeist im 21. Jahrhundert beschreiben Steffen Hartmann und Anton Kimpfler, wie spirituelle Erkenntnis und Meditation gesundend bis in individuelle Organzusammenhänge hinein wirken und das Niedere im Menschen läutern können. Stark pointiert formulieren sie: »Ohne Meditation wäre alles Erkenntnisstreben letztlich grundlos«, denn würde uns der geistige Wahrheitsboden entzogen, könnten wir nirgends mehr sicher stehen.

Zugleich sollen die Ergebnisse der Meditation in den Alltag einfließen, geopfert werden, damit wir intensiver am Schicksal der Welt, unserer Mitmenschen, der Tiere und der übrigen Natur Anteil nehmen können und uns nicht isolieren. Die Autoren beschreiben, wie wir in der Welt wiederum Angriffen und Versuchungen ausgesetzt sind, die mit dem zu tun haben, was man spirituell die »Drachenkräfte« nennt. Wir kommen einerseits nur im Ringen mit den »Drachenkräften« im Sozialen weiter, andererseits brauchen wir für den Kampf mit dem Drachen auch Schutzkräfte. Hartmann und Kimpfler schlagen einen dreifachen Schutz vor, dem im Zusammenhang mit einer gediegenen inneren Entwicklung große Bedeutung zukommt. Das erste sind tragende menschliche Beziehungen in Form von dauernden, vertieften Freundschaften und anderen Bindungen. Zweitens brauchen wir tragende Tätigkeiten, in Form eines beständigen, sinnvoll auf die Welt bezogenen und selbstbestimmten Tuns. Ohne Sinn-Verwirklichung können wir weder gesund bleiben, noch in der Welt bestehen. Das Dritte ist die tragende innere Arbeit, durch die das Denken Kraft erhält und unser höheres Selbst erst zum Vorschein kommt. Die innere Arbeit wird dann tragfähig, wenn wir uns durch Widerstände hindurchgearbeitet haben, wenn Ausdauer und Geduld verwirklicht werden und Freude am Üben uns begleitet.

Die tragenden Beziehungen verbinden uns mit anderen Menschen, tragende Tätigkeiten mit der Welt und die tragende innere Arbeit führt zur Geburt unseres wahren Selbst, zur Selbst-Werdung, als dritte Geburt, nach der physischen und der seelischen. Der Zeitgeist Michael kämpfte einst mit dem Drachen und wartet nun auf den freien, schöpferischen Menschen, der seine Intelligenzkräfte durch lebendiges Denken und Meditation spiritualisiert. Die Autoren sagen dazu: »Im freien Menschen erfüllt sich die Bestimmung Michaels.« Auch auf den »kleineren Bruder Michaels«, der in vielen Bilddarstellungen den Fuß in den Rachen des die Welt verschlingen wollenden Fenriswolfes stellt, wird hingewiesen und sein Charakter geschildert. Er wirkt im Freihalten des Zukünftigen, im noch nicht Geborenen, mit buddhahaft friedvollem Lächeln dem Ernst Michaels gegenüberstehend.

Jeder Mensch kann und muss heute seine weitere Bewusstseinsentwicklung selbst in die Hand nehmen. Die Möglichkeit, den Blick auf unser eigenes Bewusstsein zu richten und mit den gegebenen Bewusstseinskräften selbstständig üben und uns entwickeln zu können, verschafft uns die Voraussetzung zur Freiheit. Ursprünglich war eine solche Entwicklung nur in den Mysterienschulungen möglich. Die Mysterien haben sich heute an die Allgemeinheit hingegeben und finden im Alltag statt, wo sie allerdings von uns entdeckt und ergriffen sein wollen. Dazu müssen wir – über das bloße Nützlichkeitsdenken hinweg – den interessierten Blick auf den anderen Menschen und die Ereignisse der Welt richten, um daran zu erwachen. Zunächst schlafen die meisten Menschen noch im Hinblick auf die brennenden Fragen der Zeit, so Hartmann und Kimpfler. Im Erkennen des anderen Menschen bildet sich ein sozialer Menschheitstempel, in dem immer mehr Menschen zu tragenden Säulen werden können. Die Autoren fassen diese Tatsache in den schönen Satz: »Das liebevolle Miteinander verschafft uns erst die Eintrittskarte zum Menschheitstempel«. Und im Hinblick auf die künftige Zusammenarbeit der Anthroposophen untereinander meinen sie: »Das echte Goetheanum lebt nicht dort, wo einzelne Anthroposophenparteien vorherrschen, sondern wo Raum ist für ergänzende, ebenfalls dazugehörende Strömungen.«

 

Quelle: Die Drei, Heft 12, 2015

Erscheinungsdatum: 2015
Auflage: 1
Seiten: 111
Bindeart: Softcover

Geistesgegenwart und Schöpferkraft

Vom Menschen-Welt-Begegnen zum Zeitgeist im 21. Jahrhundert

von Steffen Hartmann, Anton Kimpfler

Die Nöte der Zeit sind für jeden sichtbar. Das Leiden der Natur, das Aussterben von Pflanzen- und Tierarten - wie oft haben wir schon davon gehört. Auch humanitäre Katastrophen prägen unser Gegenwarts-bewusstsein nachhaltig. Ja die Erde ist in ihrer Ganzheit bedroht durch den Energieverbrauch und -verschleiß der Menschheit.


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