Oh, the hollyhocks
leaning on the breeze, seeds ripe
I am home again

Wenn die Malve still
samenreich der Brise horcht
kehr ich heim zu mir


Rezension

Seit vielen Jahren hat sich der Verleger JeanClaude Lin durch die Komposition von Sudokus, den japanischen Zahlenrätseln, einen Namen gemacht und zahlreiche schön ausgestattete Bände dazu erscheinen lassen. Nun zeigt er uns seine der japanischen Dichtkunst des Haiku, einem dreizeiligen, 17-silbigen Gedicht, zugewandte Seite. In dem vorliegenden, typografisch fein gestalteten Band erscheinen nicht nur von ihm selbst gedichtete Haikus, sondern auch zahlreiche, zum Teil berühmte Beispiele aus der japanischen Tradition sowie zeitgenössischer Dichter in deutscher Übertragung.

Die Haikudichtung ging seit dem 17. Jahrhundert aus der japanischen Tradition des Kettengedichts hervor und reduzierte dieses auf eben jene drei Zeilen mit den 17 Silben. Dabei kommt es vor allem darauf an, dass das Haiku einen sinnlich wahrnehmbaren Natureindruck, mit der jeweiligen Jahreszeit verknüpft, einfängt und dabei eben nicht zu viele Worte macht. »Der alte Teich. / Ein Frosch springt hinein – / das Geräusch des Wassers …« Dieses wohl berühmteste Haiku von Bashô (1644-1694), dem Begründer der Haiku-Tradition, lässt den Frühling aufleben, denn zu dessen Beginn, der Paarungszeit, zeigen sich überall die Frösche. Und zugleich steigt im japanischen Leser das Bild von Frühlingsblüten und klaren Teichen auf, das Geräusch des Wassers tritt an die Stelle des Liebesgesangs der Frösche.

»Tosende See / Nur die Milchstraße reicht / Zur Insel Sado hinüber«. So lautet ein weiteres berühmtes Haiku von Bashô. Mit diesem Haiku hat es eine besondere Bewandtnis, wie uns Jean-Claude Lin in seinem (übrigens jedem Gedicht) beigefügten Kommentar verrät. War Bashô als buddhistischer Wandermönch und Dichter doch auf einer Wanderung ›Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland‹, wie seine berühmte Reiseerzählung überschrieben ist. Zur Herbstzeit kam er an der Küste des japanischen Meeres, das um diese Jahreszeit von sibirischen Stürmen aufgewühlt wird, an jene Stelle, von der aus man die Gefängnisinsel Sado in der Ferne sehen kann. Am Tag vorher wurde das altjapanische Tanabata-Fest gefeiert, an dem der Sternensage nach der Hirtenknabe (Atair im Sternbild Adler) zur Himmelsweberin (Wega) über den Himmelsfluss, die Milchstraße, hinüberrudern durfte. Dieses Bild des Himmelsflusses erscheint Bashô in der Nacht, und er sieht ihn hinüber zur Gefängnisinsel reichen, als ob die dort Gefangenen auf diesem Himmelswege befreit werden könnten.

Angesichts der Brooklyn-Bridge gegenüber von Manhattan notierte Jean-Claude Lin: »Über die Brücke / Zieht das Leben ein und aus / Downtown Manhattan.« Denn tatsächlich kann auf der Insel von Manhattan niemand mehr beerdigt werden, und so muss jeder Verstorbene über die Brooklyn-Bridge auf einen außerhalb gelegenen Friedhof gebracht werden. Und als Bashô auf seiner Wanderung durchs japanische Hinterland an ein berühmtes Schlachtfeld am Koromo-Fluss kam, schrieb er die drei Zeilen: »Sommergras …! / Von all den Ruhmesträumen / Die letzte Spur …« Lin notiert zum Thema Spuren: »Wie vielfältig bleiben Spuren des Gewesenen auch da, wo wir keine vermuten!« Und dichtet dazu das folgende Haiku: »Geblieben ist noch / Der Glanz des Schnees in der Luft / Birken im Licht«. So beschreibt jedes Haiku den Zauber eines Augenblicks. Dieser gehaltvolle Haiku-Band lädt uns dazu ein, den Augenblick, das Jetzt, den Sinneseindruck, den die Natur auf uns macht, wie in einem Nachbild festzuhalten, sich inniger mit den Sinneseindrücken und der Atmosphäre, die sie umgibt, zu verbinden.

Denn warum dichtet ein Bashô, warum schreibt auch Jean-Claude-Lin diese Haikus? Wie dieser selbst in seinem Vorwort bekennt, ist der Ausgangspunkt eine tief empfundene Einsamkeit, ja Verlorenheit, die man im Japanischen mit dem Wort sabi zum Ausdruck bringt. In diesem Wort verkörpert sich jedoch nicht einfach eine Melancholie. Sabi wird vielmehr so verstanden, dass es das »Ineinanderfließen des Zeitlichen mit dem Ewigen beschreibt, dem Unermesslichen, dem Unendlichen, aus dem ein Urgefühl von Einsamkeit entsteht, das alle Dinge dieser Welt teilen«.

So regt dieser Band schließlich auch dazu an, selbst Haikus zu dichten, um etwas von dieser sabi zu erfahren und zum Ausdruck zu bringen. Probieren Sie es aus, Sie werden sehen, es hilft, in der Einsamkeit zu sich zu kommen und heimzukehren.

Quelle: Die Drei, Heft 9, 2017

Erscheinungsdatum: 08.03.2017
Auflage: 1
Seiten: 109
Einbandart: Gebunden
ISBN: 9783772517105

Heimkehren

Die Kunst des Haiku

von Jean-Claude Lin

An welcher Leine halten wir unsere Herzen, damit sie im Winde nicht stürzen? - Fremd fühlen wir uns im Leben, wenn die Teile, aus denen es besteht, auseinanderfallen oder gar nicht zusammengehörig erscheinen. Im Haiku nehmen wir das Leben wahr wie ein Heimkehren.


EAN 9783772517105

Hersteller: Freies Geistesleben

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