Ich setze Ich-Sätze

Egoismen

Ein Buch zum Berühren und Fühlen.

Autor
Philip Kovce

Hersteller
AQUINarte edition

EAN
9783933332899


24,00

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Was es heißt, ein Ich zu sein, das ergründen die Egoismen von Philip Kovce auf immer neuen Wegen. Sie fragen und forschen, grübeln und zweifeln, wägen und spielen – und lassen dabei ein Ich aufleuchten, das sich der Welt nicht vorenthält.

Aus der Reihe aquinarte edition


Rezension

Die über vierhundert Aphorismen des 2015 im Futurum Verlag veröffentlichten Buchs ›Der freie Fall des Menschen ist der Einzelfall‹ enden mit dem Satz: »Die Aufgabe des anderen ist keine logische, sondern eine dialogische. Jeder andere ist dem anderen ein anderer.« Der letzte der ein Jahr später im AQUINarte Verlag erschienenen »Egoismen« behandelt ebenfalls die Frage nach der Aufgabe. »Ich bin, bei allen Aufgaben, die kommen und gehen, die Aufgabe, die bleibt.« Doch wenn es überhaupt zwischen den beiden Büchern eine Verwandtschaft gibt, dann ist sie lose, denn anstelle von Genealogien gibt es zwischen ihnen eher Sprünge, oder eben: Sätze. Die im Futurum-Band erschienenen Verdichtungen nannte Kovce zu Recht »Aphorismen« und beschrieb das Schmieden von Aphorismen als »literarisch-philosophische Königsdisziplin«. Die neue Lieferung hat diesen Königsweg verlassen, der Autor ordnet sie einer neuen literarischen Gattung zu, die er »Egoismen« nennt. Wer weiß, ob sich Kovce nach dieser Entscheidung je wieder an Aphorismen versuchen wird? Die Aphorismenfülle des Vorjahres ist jedenfalls der frugalen Kost einer handerlesenen Menge von Ichsätzen gewichen. Unter den Regeln des neuen Sprachspiels wird dabei eines der interessantesten und schwierigsten Themen der Geistesgeschichte aufgegriffen, nämlich die Frage nach dem Ich oder Ego. Der Band kommt pro Buchseite mit ein bis zwei Zeilen aus, manchmal sind es wenig mehr. Die Struktur ist reduziert, die Wortwahl einfach, was allerdings nicht bedeutet, dass sich die »Egoismen« leicht interpretieren lassen.

Ob einzeln oder im Zusammenhang gelesen, die Sätze handeln vom Menschsein und Menschwerden. Was da zum Austrag kommt, ergreift die Möglichkeiten des Individuums – und übersteigt sie. Das Geheimnis des Ich wird in die Begegnung mit der menschlichen und mehr-als-menschlichen Welt gestellt. Das isolierte cartesianische Subjekt mag versucht sein, seinen Stand im Hintergrund aufrecht zu erhalten, doch die Ich-Sätze treten aus der Subjektgefangenheit heraus und gehen auf »Das Andere« zu, auf »Die Toten«, »Die Freunde« oder »Die Bäume«. In der Begegnung mit ihnen entsteht ein Reichtum, in dem sich die »Egoismen« überhaupt erst finden und konsolidieren.

Das Wörtchen Ich kommt insgesamt dreiunddreißigmal vor, das sind 1,1 Ichsetzungen für jeden der 30 »Egoismen«, die vielen reflexiven Ichverweise nicht mitgerechnet. Von dieser ichlastig anmutenden Statistik könnten sich Leser abgeschreckt fühlen, die der Frage nach dem Ich bisher aus dem Weg gegangen sind und Dialogphilosophen wie Lévinas oder Buber nur dem Namen nach kennen. Doch der Leser der »Egoismen« ist nicht auf philosophisches Wissen angewiesen, denn was ihm begegnet, bewegt sich auf dem Feld des Menschlichen, das wir alle auf unsere je eigene Art kennen.

Gleich wo man dieses bibliophil aufgemachte, mit handgeprägtem Einband und einer Serigraphie von Sabine Hunecke versehene kleine Werk aufschlägt, die Denksätze des lyrischen, philosophischen Egos, das sich in den »Egoismen« ausspricht, erzeugen auf der Wasseroberfläche des Leser-Ichs Interferenzen. Diese Sätze wollen gedacht werden, sie laden freundlich und resolut zum Denken ein. Wenn wir der Einladung folgen, schlagen sie in Stille um. Und die »Egoismen« mögen es, wenn sie laut gesprochen werden, sie sind niedergeschrieben worden, damit sie in der Sinnlichkeit der Sprache hörbar erscheinen. Schon der Buchtitel weist darauf hin, das Changierende der Wörter darin gerät ins Schwingen, wenn wir sie laut lesen.

Die »Egoismen« haben das Potenzial eines Bildungsromans, das Tempo ist allerdings ein ungleich höheres. »Meine Aufgabe hält mich am Leben«, beginnt Kovces Gedankensprint. Dem folgt die Frage: »Wie kann ich tun, was nur ich tun kann?« Und zwei Sätze weiter heißt es schon: »Der Aufgabe, die ich am deutlichsten erkenne, scheine ich am wenigsten gewachsen.«

Quelle: Die Drei, Heft 7/8, 2017

 

Erscheinungsdatum: 01.10.2016
Auflage: 1., Überwiegend von Hand gefertigte Ausgabe
Seiten: 36 in weißem handgegeprägten Bütten-Einband, mit einer handgedruckten Graphik auf Japanpapier
Einbandart: Englisch Broschur
ISBN 978-3-933332-89-9
Philip Kovce kommt 1986 zur Welt und lebt dort noch heute. Bei AQUINarte liegen von ihm vor: AN DIE FREUDE. Friedrich Schiller in Briefen und Dichtungen (hrsg. 2015); DIALOG FÜR EINE STIMME (2015); VERSUCH ÜBER DEN VERSUCHER (2014); LOGISCH-PHILOSOPHISCHER ABRISS. Zum Werk Michael Bockemühls (2014).
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