Jesus von Nazareth


Ein Beitrag zum Verständnis des Jesus-Geheimnisses

von Oskar Kürten

EAN 978385636018

Artikelnummer 978385636130

Die Pforte


* inkl. ges. MwSt. zzgl. Versandkosten

Rezension

Nicht zuletzt durch seine Biografie über Hanna Arendt, geschrieben mit Empathie und Sachlichkeit, die etlichen den Zugang zu dieser klugen Frau eröffnete, ist uns der Münchner Wissenschaftler und Journalist Alois Prinz bekannt geworden. Jüngst hat er nun das Wagnis unternommen, in die Reihe der von ihm beschriebenen Persönlichkeiten (außer Arendt u. a. Paulus, Hesse, Kafka und Goebbels) Jesus von Nazaret aufzunehmen.

Erfreulicherweise lässt sich Prinz von vornherein nicht auf die Möglichkeit einer Reduktion auf den wandernden Rabbi aus Nazaret ein, sondern greift schon im Vorwort auf die Zwei-Naturen-Lehre des Konzils von Chalcedon (451) zurück, gemäß der Jesus Christus menschliche und göttliche Natur in sich vereinigt: »deus vere et homo vere – wahrer Gott und wahrer Mensch«.

Positiv stellt Prinz sich zu den Schriften des Neuen Testaments als Quellen für die Ereignisse dieser Biografie. Überdies werden neben den bekannten jüdischen und römischen Geschichtsschreibern sowie den einschlägigen Sekundärwerken zum Neuen Testament eine Fülle weiterer Gedanken und Begriffe aus 2000 Jahren Literatur und Theologie herangezogen (Albert Schweitzer, Romano Guardini, Josef Ratzinger, um nur eine kleine Auswahl zu nennen). Prinz zeigt damit, dass er die Wirkung des Jesus von Nazaret von diesem selber nicht abgetrennt sehen will. Mitunter erscheinen freilich so divergente Zeugnisse, dass der Leser den Überblick leicht verlieren kann …

Wie es sich ausnimmt, wenn die Begebenheiten, von denen das Neue Testament berichtet, mit den Kategorien des Biografen untersucht und bewertet werden, sei an zwei Beispielen deutlich gemacht:

In der Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel (Lk 2,41-52) begegnet uns das Kind Jesus in der Tat nicht allein mit seiner gewachsenen Weisheit, welche die alten Lehrer im Tempel in Erstaunen versetzt, sondern auch in einer Art Entfremdung von den Eltern, die über ihn erschrecken und ihm Vorhaltungen machen. Prinz sieht hierin die »große Loslösung« (S. 61ff), führt Kafka und Nietzsche als beredte Zeugen an. – Wir können verfolgen, wie damit ein Aspekt gewonnen, vorzüglich ausgearbeitet und vertieft wird. Ist aber diese Reduktion dem Gesamtbild wirklich zuträglich, wenn es nun heißt, diese Geschichte bringe »einen hässlichen Missklang in das harmonische Familienbild« (S. 72)?

Noch deutlicher wird dieses Kategorienproblem im übernächsten Kapitel. Hier schafft der Autor in seiner Darstellung und Interpretation der Hochzeit zu Kana (Jh 2,1-12) doch ein arges methodisch-gedankliches Durcheinander: Zwar stellt er sich positiv zu dem Ereignis der Wandlung von Wasser in Wein, lässt die Frage nach dem Vorgang bewusst offen, um dann munter zu behaupten, diese Tat sei für Jesus »eine feuchtfröhliche Übung gewesen« …

In solcher Weise findet sich der Leser vielfach vor das Problem gestellt, nicht eigentlich zu wissen, in welcher Wirklichkeitsschicht er sich befindet.

So ist es nicht überraschend, dass sich an der Passion Jesu Christi die Geister scheiden. Nach Prinz folgte Jesus nicht einem göttlichen Plan, suchte nicht absichtlich das Leid und den Tod – und sein Verhältnis zum Vater war geprägt von »kindlichem Vertrauen« (S. 185).

Dennoch: Mit viel Kenntnis und Empathie werden die einzelnen Schritte des Weges bis zum Kreuz beschrieben und kommentiert. Prinz ist sich der Herausforderung, der er sich mit dieser Biografie stellt, sehr wohl bewusst, indem er immer wieder darauf hinweist, wie die Gestalt, die er beschreibt, jeden, der sich ihr ernsthaft nähert, zutiefst befragt. Mit diesem fragenden Blick, der Begegnung und Entscheidung sucht, ja herausfordert, endet auch das Buch; die Frage »Wer war er?« tritt im ganzen Buch mehr und mehr zurück hinter die Frage »Wer ist er mir?«.

Dies macht, den erwähnten methodischen Problemen zum Trotz, die Qualität des Buches aus, das an manchen Stellen für eine Wesensbegegnung durchlässig ist und durch die Fülle der Aspekte und zitierten Gedanken zu neuen Auseinandersetzungen einlädt.

Quelle: Die Drei, Heft 10, 2014

Erscheinungsjahr: 1991
Seitenanzahl: 94
Bindeart: Broschur
Autor: Oskar Kürten