Mein Weg zur Freiheit

Deutsch-deutsche Erlebnisse

In diesem Buch erzählt der Autor von seiner Jugend in der DDR, seiner Flucht in den Westen, seiner Studienzeit in München und dem ersten Praktikum in den USA. Sehr lebendig beschreibt er die Zeit seiner klinischen Ausbildung und der darauf folgenden Praxiszeit in München mit Fall-Beispielen. Er lernte und lehrte Tiefenpsychotherapie nach Freud. Heute praktiziert er in eigener Praxis.

Autor
Bernd Horn

Hersteller
Novalis Verlag

EAN
9783941664524


18,00

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Rezension

Es ist still geworden um Erlebnisberichte von abenteuerlichen Fluchten aus der DDR. Aber der Titel dieses Buches – ›Mein Weg zur Freiheit‹ – besagt mehr: Es geht um eine Freiheitssuche an sich. Den Wanderer auf dem Cover, der durch einen Wald aufwärtssteigt, hält man zunächst für einen DDR-Flüchtling vor der Grenze. Doch das Bild kann auch so interpretiert werden: Aus dem Dunkel heraustretend, erreicht er ein lichtvolles Plateau, eine neue Weite mit neuen Grenzen. Das aber ist ein Bild für das Erreichen jeder Lebensetappe!

Bernd Horn zeigt, wie relativ der Freiheitsbegriff ist. Die Nachkriegszeit auf einem Thüringer Dorf erschien ihm zunächst als Idylle, bis der Vater aus dem Krieg zurückkehrte. Er wurde Lehrer, später Direktor der Schule, die der Sohn besuchte. Der Junge lernte gutgesinnte russische Soldaten kennen, obwohl derartige Kontakte unerwünscht waren. In den Mutmaßungen der Erwachsenen über die angebliche Bedrohung der Kinder spürt er die Lüge. Aber er spürt auch die Lüge in der öffentlichen Propaganda vom »sowjetischen Brudervolk«. 

Im Eisenacher Gymnasium begeisterte ihn die Antike. Der Widerspruch zwischen Propaganda und Wirklichkeit begegnete ihm auch hier: »In meiner überschaubaren Provinzwelt habe ich nur wenige getroffen, die sich wirklich mit dem DDR-System identifizierten.« Enttäuscht erlebte er bei anderen den Gegensatz »zwischen dem Denken in den kleinen Zirkeln […] und den realen Verhaltensweisen«. Bei Wahlen waren von vornherein »mindestens 98% Zustimmung für die Kandidaten der Einheitsliste zu erreichen«. Seine »drängende Lust an der Suche nach Verteidigung des für wahr Gehaltenen« führte Horn in viele Konflikte.

An der Universität in Leipzig erschien kurz nach dem Mauerbau 1961 ein »Kampfaufruf der FDJ«, der die Studenten zum »freiwilligen« Dienst in der Armee verpflichten wollte. Die meisten unterschrieben. Weil er das »freiwillig« wörtlich nahm, wurden Horn Undankbarkeit, Egoismus und Verrat an der sozialistischen Erziehung vorgeworfen. Strafweise exmatrikuliert, sollte er sich in der Praxis bewähren.

Wenig später überwand er mit zwei Freunden unter großer Gefahr die innerdeutsche Grenze. Als ihn im Notaufnahmelager Gießen der Sicherheitsdienst für einen Spion hielt, fragte er sich erstmals, ob er den »freien Westen« idealisiert hatte. In Bamberg musste er das Abitur wiederholen, wobei er sich gegen den verordneten Religionsunterricht wehrte. Wieder wurde ihm Undankbarkeit vorgeworfen! Verdutzt begriff er, »dass meine Idee von Freiheit ein Kindertraum war«. In Mainz, wo er Deutsch und Geschichte studierte und im Studentenheim wohnte, eckte Horn wieder an: Nach einem Artikel in der Studentenzeitung über die Zustände im Wohnheim musste er ausziehen. Er lernte ein Mädchen kennen, mit dem er sich – auf Anraten ihrer Eltern – sogar verlobte. Als die Verbindung nicht hielt, forderten die Eltern dann Kostenerstattung! Das empfand er als eine schlimme Seite des Westens. Mit den eigenen Eltern durfte er keinen Kontakt haben. Der Vater hatte sich, um Schuldirektor zu bleiben, offiziell von ihm losgesagt. Eine Reise mit Freunden nach Griechenland entzauberte auch seine hohen Vorstellungen vom Land der Antike.

Horn begann mit einem Psychologie-Studium. Als er sich um Ex-Sträflinge kümmerte, bekam er Schwierigkeiten. »Sei in dieser hochegoistischen Welt für andere Menschen da, und dann kommen die Geier und projizieren auf dich alle unterdrückten Gefühle und Leidenschaften, die sie selber nicht ausleben können!« 1968 beteiligte er sich an den Studentenunruhen, und wieder erlebte er »Entzauberungen«. Inzwischen war er als Aufrührer bekannt.

Trotzdem erhielt Horn sein Diplom und wurde Lehrbeauftragter an der Fachhochschule für Sozialpädagogik. Während eines Studienaufenthalts in den USA traf er seine künftige Frau, mit der er dann in München lebte. Er strebte eine weitere Ausbildung zum Psychotherapeuten und -analytiker an. Nach der Geburt der ersten Tochter musste das Leben streng geregelt werden, um das alles zu schaffen.

Der Leser bekommt einen Einblick in die Kompliziertheit einer solchen Ausbildung. Seit dem Dritten Reich war Deutschland von der internationalen Entwicklung der Psychologie isoliert. Die meisten Dozenten hingen noch dem klassischen Triebkonzept an. Die neue Literatur aus England und Amerika verstand Horn so, »dass es aktuell für den Menschen ein größeres Problem ist, einen Sinn für sein Leben zu finden«, als »zu fragen: ›Wie erfülle ich meine Triebbedürfnisse in Auseinandersetzung mit gegebenen gesellschaftlichen Barrieren?‹« Seine neuen, eigenen Gedanken formulierte er herausfordernd und scharf. Die Kollegen staunten, gingen aber nicht darauf ein. Missgeschicke in der eigenen Praxis, auch familiäre Einzelheiten werden dargestellt, schließlich das Wiedersehen mit den Eltern in der alten Heimat.

In seinem abschließenden Kapitel ›Was meint nun »Mein Weg zur Freiheit?«‹ resümiert der über 70-jährige Autor, dass es ihm um den Mut zur Freiheit als Lebensmaxime ging: »Ich wollte […] beschreiben, wie ich Existenz um die zweite Jahrtausendwende erlebt habe. […] Ich übte mich in Rebellion gegen die staatliche Gewalt in der DDR und auch gegen subtile Unterdrückung in der BRD. […] Ich wollte mein Denken offen halten, ohne manipulierbar zu sein.« Durch Literatur und Philosophie fühlte er sich angeregt und innerlich befreit. Ein spannungsfreies Verhältnis zur Religion zu erreichen, gelang ihm nicht. Aber er hatte erlebt, dass Literatur etwas bewirkt, obwohl seine Glosse aus der Studienzeit ihm selbst »schadete«. So ist seine Hoffnung nicht unbegründet, dass auch dieses Buch etwas bewirken wird. Es erscheint als Lebensbeichte, als Abrechnung, vor allem aber als ein Sich-selbst-Finden. Es ist ein ehrliches Buch, ein persönlich erlebter Blick in die Vergangenheit deutsch-deutscher Verhältnisse – authentisch und ernüchternd.

Für wen ist das Buch geeignet? Zuerst für alle, die unter den Restriktionen der DDR gelitten haben. Dann für die »im Westen«, die diese Restriktionen nicht kannten, und für die »im Osten«, die dem Traum vom Westen anhingen. Schließlich für alle, die sich am Gedanken der Freiheit entzünden und für Biografien interessieren. »Ich kann nur hoffen«, schreibt Horn, »dass Ihr durch diese meine emotionalen Gedanken so neugierig werdet, dass meine Geschichten und Zeitkommentare etwas bewirken.«

Quelle: Die Drei, Heft 7/8, 2017

Erscheinungsdatum: 19.08.2016
Seiten: 188, 15 s/w Fotos
Einbandart: Paperback
ISBN: 978-3-941664-52-4

Bernd Horn, geboren 1942 in München, wuchs nach dem Krieg in Thüringen auf. Studium in Leipzig. Nach Exmatrikulation wegen Verweigerung des Wehrdienstes in der Nationalen Volksarmee Flucht über die grüne Grenze in die Bundesrepublik. Studium in Mainz und München mit Diplomabschluss in Psychologie, Politologie und Philosophie. Tätigkeit an der Forschungsstelle für Psychotherapie in der Max-Planck-Gesellschaft, sowie als Dozent an der Fachhochschule für Sozialwesen in München. Ausbildung zum Psychoanalytiker und danach Wechsel in die Psychiatrische Universitätsklinik München. Über zehn Jahre Mitarbeiter in der Abteilung für Psychotherapie und Psychosomatik. Nach der Promotion und der kassenärztlichen Anerkennung seit 1988 eigene Praxis in München. Dozent, Lehrtherapeut der Bayerischen Landesärztekammer. Dozent und zeitweise Vorstand im ärztlichen Weiterbildungskreis (ÄPK München). Mitbegründer der Bürgerinitiative zur Erhaltung der Umwelt im Würmtal (BIS), zehn Jahre stellvertretender Vorsitzender und danach Ehrenmitglied. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter und Enkel.
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