»Die Sinne trügen nicht« Goethes Kritik der Wahrnehmung als Antwort auf virtuelle Welten

Goethes Kritik der Wahrnehmung als Antwort auf virtuelle Welten

von Ursula Schuh

Goethe als Inspirator der bildender Kunst und nicht nur als Kunstsammler! Diese Dimension des Goetheschen Umgangs mit der Wahrnehmung lässt erahnen, welche Schätze in seinem Werk als Anregung zur Bewältigung von Fragen der Pädagogik des Designs oder der virtuellen Welten noch liegen.


EAN 9783932386374

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Ein »Analogon Kantischer Vorstellungsart«

Multimedia und virtuelle Welten spielen uns Erlebnisfülle und Reichtum sinnlicher Erfahrungen vor. Diese beeindrucken zwar, führen aber nicht unbedingt zu einer produktiven Umsetzung der Wahrnehmung. Was hierzu erforderlich ist, erarbeitet das vorliegende Buch auf der Grundlage von Goethes Werken; denn er selbst forderte eine Kritik der Sinne analog zu Kants Kritik der reinen Vernunft: »Kant hat uns aufmerksam gemacht, dass es eine Kritik der Vernunft gebe, dass dieses höchste Vermögen, was der Mensch besitzt, Ursache habe, über sich selbst zu wachen. Wie großen Vorteil uns diese Stimme gebracht, möge jeder an sich selbst geprüft haben. Ich aber möchte in eben dem Sinne die Aufgabe stellen, dass eine Kritik der Sinne nötig sei, wenn die Kunst überhaupt, besonders die deutsche, irgend wieder sich erholen und in einem erfreulichen Lebensschritt vorwärtsgehen solle.« Zu der von Goethe gestellten »Aufgabe« liegt nun ein beachtlicher Entwurf vor. Er bezieht umfassend die naturwissenschaftlichen, poetischen und kunsttheoretischen Schriften Goethes ein. Das Ergebnis lässt aufhorchen; vor allem deswegen, weil sich aus der Fülle der von Goethe gelieferten Einzelheiten das geschlossene System einer Sinneslehre ergibt. Grundlage hierfür bildet das Kategoriensystem Kants.
Die Autorin entwickelt so erstmals einen vierstufigen Erfahrungsweg der Sinne: reine Wahrnehmung in der Fülle der Eindrücke, Polarität und Steigerung, der Bezug der äußeren Wahrnehmung zur inneren Verarbeitung und als letzte Stufe – hier scheint das übersinnliche Wirkliche in unsere Sinnenwelt herein – die Erfahrung von Sinn durch die Sinne. Diese Stufen der Wahrnehmung konnten bei zwölf Sinnen nachgewiesen werden, belegt durch Goethes Werk, mit dem Resultat: Die Sinne trügen nicht!
Aufhorchen lässt die Arbeit aber auch in bezug auf die Zeitaktualität. Beispielhaft wird geschildert und im Bildteil aufgezeigt, wie Künstler von Turner über Kandinsky zu Beuys Goethes Anregungen für die Sinneswahrnehmung aufgriffen und dadurch wesentliche Impulse für ihr Werk erfuhren. Goethe als Inspirator der bildender Kunst und nicht nur als Kunstsammler! Diese Dimension des Goetheschen Umgangs mit der Wahrnehmung lässt erahnen, welche Schätze in seinem Werk als Anregung zur Bewältigung von Fragen der Pädagogik des Designs oder der virtuellen Welten noch liegen.

 

Inhalt

Sind die Sinne zu retten?

Goethes Anliegen und die Schritte zu seiner Verwirklichung
Die Äußerungen Goethes über eine »Kritik der Sinne« • Wie kann eine »Kritik der Sinne« erschlossen werden? • Vorangehende Forschungen

Ein »Analogon Kantischer Vorstellungsart«
Wodurch wird eine Sinneslehre zur »Kritik der Sinne«? • Die Anwendung der Kategorien auf die Sinneswahrnehmung • Die Fülle der Sinneseindrücke – nur angenehm oder mit Eigensinn? • Die Qualität der Wahrnehmungen – polar wie die Natur und das Schönheitsurteil? • Das Verhältnis des Menschen zur Sinnenwelt – erhaben oder wechselseitig? • Innere Notwendigkeit – nur im Handeln oder auch in der Wahrnehmung? • Die Stufen der Wahrnehmung nach Goethe im Vergleich mit Rudolf Steiner und dem Abendmahl Leonardos

Die Stufen einer »Kritik der Sinne«
Der Umgang mit der Fülle der Wahrnehmungen • Aufmerksamkeit und reine Wahrnehmung • Die Vielfalt der Wahrnehmungen • Die Verbindung der Sinneseindrücke • Die Polarität der Wahrnehmung • Der Bezug auf einen Ausgangspunkt • Das Auseinandertreten der Gegensätze • Steigerung und Verbindung der Gegensätze • Das Verhältnis von Innen und Außen • Die Entsprechung des Menschen zur Welt • Eindruck des Äußeren und Ausdruck des Inneren • Die wechselseitige Beziehung zwischen Innen und Außen • Die Erfahrung von »Sinn« durch die »Sinne« • Urbilder und Wahnbilder • Das Besondere der verschiedenen Sinne und Kulturen • Der Schein des Göttlichen in der sinnlichen Wirklichkeit

Folgerungen für die bildende Kunst im Vergleich mit den Vorstellungen der deutschen Romantik
Der Zusammenklang der Wahrnehmungen • Polarität und Steigerung • Der Austausch von Innen und Außen • Die Umgestaltung des Zeitbedingten zum Höheren

Das Weiterwirken von Goethes Sinneslehre in der bildenden Kunst
Die Malerei Turners • Die Befreiung der Farbe • Licht und Finsternis • Das Aufgeben der Sicherheit • Alte und neue Mythologie • Das Weiterwirken einzelner Gestaltungsprinzipien in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts • Der Kunstimpuls Rudolf Steiners • Das Goetheanum als Gesamtkunstwerk • Das Gleichgewicht zwischen Auflösung und Verhärtung • Das Geistige im Menschen und das Geistige im Kosmos • Der Schein des Höheren in den verschiedenen Kulturepochen • Das Goethe-Verständnis am Bauhaus zu Weimar • Ungegenständlichkeit und Synästhesie • Die Umsetzung von Goethes Farbenlehre • Unsichtbares wird sichtbar • Die Suche nach innerer Stimmigkeit • Die Schwierigkeiten in der Mitte des 20. Jahrhunderts • Die Goethe-Auffassung bei Beuys • Die Verbindung der Sinne in der Aktionskunst • Polarität und Steigerung • Die Begegnung mit der Vergänglichkeit • Die Naturverbundenheit der Antike als Alternative zur Umweltzerstörung

Schlussbetrachtung

 

Über die Autorin:

Dr. phil. Ursula Schuh,

geboren 1963; Studium der Germanistik, Kunstgeschichte, Philosophie, Geschichte und Grundschuldidaktik. Magisterabschluss 1990 mit einer Arbeit über Comenius. Mehrjährige Tätigkeit als Lehrerin. Veröffentlichungen zum Thema »Goethe und die Sinne« in verschiedenen Zeitschriften. Stipendiatin der Stiftung Bildung und Wissenschaft. 1996 Promotion zum Dr. phil. an der Ludwig-Maximilian-Universität München.

 

280 Seiten, 30 Abb., gebunden
EUR 22,00 
ISBN 3-932386-37-X