Diese ersten Entwicklungsschritte der Eurythmie werden nach dem aktuellen Forschungsstand kurz dargestellt und mit fotografischen Dokumenten sowie Erinnerungsliteratur aus zum Teil neu aufgefundenen Quellen ergänzt.


Rezension

Vor zwei Jahren gab es am Dornacher Goetheanum eine Ausstellung zu den Anfängen der Eurythmie, der neuen Bewegungskunst, die Rudolf Steiner seit 1911/12 zuerst mit der damals sehr jungen Lory Smits zu entwickeln begann. Es handelte sich um eine Geburtstagsausstellung zum 100-jährigen Bestehen der Eurythmie, den vielen gewidmet, die sich zu Steiners Lebzeiten als Leute der ersten Stunde auf das Abenteuer einließen und aktiv zur Entstehung und Entwicklung dieser jungen Kunst beitrugen: den Pionierinnen und Pionieren der Eurythmie.

Martina Maria Sam hat die anlässlich des Eurythmie-Jubiläums 2012 vielfach geäußerten Anregungen aufgegriffen, dass es wünschenswert wäre, das zu dieser Ausstellung Zusammengetragene in einer gediegenen Publikation festzuhalten. Daraus entstand der seit letztem Juni vorliegende ansehnliche Band, der in biografischen Skizzen über 90 Eurythmistinnen und Eurythmisten oder solche, die innig an der Eurythmie mitwirkten, vorstellt und für den Leser wieder aufleben lässt – mit ihren damaligen Fragestellungen, Wegfindungen und späteren Arbeitsschwerpunkten. Unter den Nicht-Eurythmistinnen begegnen einem übrigens auch bekanntere Namen wie Marie Steiner, Edith Maryon und Elisabeth Vreede.

Die Autorin – sie ist Kunsthistorikerin, promovierte Germanistin und Eurythmistin – weist in ihrer Einleitung darauf hin, dass schließlich doch deutlich mehr entstanden sei als nur ein nachgereichter Ausstellungskatalog. Denn an die Ausstellung des Jahres 2012 schlossen sich umfangreiche Recherchen an, neues Interesse an den Pionieren war geweckt worden, es wurden Nachlässe gesichtet, es kamen wertvolle Einzelbeiträge aus »Privatarchiven« aus aller Welt herein usw. Die große Materialfülle galt es sodann kontextuell zu verarbeiten, d.h. mit den markanten Stationen der Entwicklung der Eurythmie – in den Jahren 1911/12 bis 1925 – in einen Zusammenhang zu stellen.

So hat sich im Aufbau des Buches eine Folge von 22 Kapiteln ergeben, in denen Martina Maria Sam kenntnisreich und umsichtig die Werdebedingungen und Werdestufen der eurythmischen Kunst nachzeichnet und in die sich jeweils die übersichtlich gehaltenen Porträts derjenigen natürlich und zwanglos einfügen, die an den verschiedenen Stationen dieses Werdens »dazustießen«. Und so ist durchaus nicht eine ermüdende Aneinanderreihung von Lebensskizzen entstanden, sondern im Gegenteil: Die Autorin hat ein Gesamtbild der ersten beiden Jahrsiebte der Eurythmie geschaffen, das geeignet ist, den Leser wirklich eintauchen zu lassen in das Lebensmilieu dieses wesentlichen Zweiges werdender Anthroposophie. Ja, immer wieder wird bei der Lektüre deutlich, wie entschieden Rudolf Steiner die Eurythmie gänzlich aus der Anthroposophie heraus schuf und wie ernst dies die frühen Eurythmistinnen nahmen: Eurythmie als selbstverständliche Qualität auch auf dem spirituellen Schulungsweg!

Lory Maier-Smits, durch die die Geburt der Eurythmie möglich wurde, gab in späteren Lebensjahren ihre Erfahrungen und Erlebnisse aus der beglückenden ersten Zeit wieder. Und die an solchen Stunden mit Maier-Smits teilnahmen, gewannen den Eindruck – so z.B. Diotima Engelbrecht –, wie für die Ureurythmistin die Stunden mit Rudolf Steiner ein ganzes Leben lang als lebendiger Quell behütet gewirkt hatten und wie seine Angaben auf diese Weise »niemals nur als Tradition weitergegeben werden konnten«.

Etwas Vergleichbares erhofft die Autorin des hier besprochenen Bandes auch für die Wirkung ihrer Arbeit. Denn sie weist darauf hin, es stehe laut Rudolf Steiner gerade bei der Geburt einer Kunst wie der Eurythmie eine Zeit lang »der Himmel offen« und im Moment ihres Entstehens eigne ihr ein »lebendigerer, kraftvollerer, enthusiastischerer spirituellerer Impuls«. – Doch indem man sich später intensiv auf diesen Ursprung besinnt, könne es, so Martina Maria Sam, zur starken Erfahrung werden, dass da für Momente die Zeit gleichsam zum Raum wird und dass, mit den Worten Rudolf Steiners, »in der geistigen Welt das Vergangene da ist«. – Und dies wiederum bedeute nichts anderes, als dass solches Sich-Besinnen wirksam heranführen könne an die Quellen, aus denen die Eurythmie fortgesetzt hervorquillt. Je mehr man sich, geleitet durch Martina Maria Sams Buch, auf die vielschichtige, farbenreiche Lebenssphäre der gerade entstehenden Eurythmie einlässt, in sie eindringt, umso mehr kann man selbst verspüren von der besagten Erfahrung: Es ist ein immer jugendliches Element, das sich durch Eurythmie mitteilt. Es umweht sie etwas wie Zukunftsluft! – So sei den Lesern viel Freude bei der Lektüre des schönen, belebenden Buches gewünscht!

Quelle: Die Drei, Heft 2, 2015

Erscheinungsdatum: 06.2014
Illustriert von Sieb Posthuma
Übersetzt aus dem Niederländischen: Holberg, Marianne
Auflage: 1. Auflage
Produktform: Hardcover
Seiten: 344
Einbandart: gebunden
ISBN: 978-3-7235-1523-5

Eurythmie

Entstehungsgeschichte und Porträts ihrer Pioniere

von Martina Maria Sam

Das vorliegende Buch stellt die ersten Eurythmisten in Wort und Bild in über 90 biografischen Porträts vor. Ergänzt werden die Biografien mit Schilderungen der wichtigsten Stationen der frühen Eurythmiegeschichte von 1912 bis 1925 in 22 Kapiteln. Diese ersten Entwicklungsschritte der Eurythmie werden nach dem aktuellen Forschungsstand kurz dargestellt und mit fotografischen Dokumenten sowie Erinnerungsliteratur aus zum Teil neu aufgefundenen Quellen ergänzt.


EAN 9783723515235

Hersteller: Verlag am Goetheanum

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