Nicht erst seit die Rede von „alternativen Fakten“ aufgekommen ist, herrscht Verunsicherung über elementare Grundlagen der Verständigung: Wirklichkeit und Wahrheit stehen als Orientierungsgrößen zur Disposition, das verantwortungsfähige Individuum droht zu einem bloßen „Konzept“, Moral zu einer Sache der Deutungshoheit zu werden. Die postmoderne Relativierung aller Werte hat sich in Form negativer Glaubenssätze tief in unsere Gesellschaft eingenistet. In der Konsequenz bereiten sie einem Klima den Weg, in dem rückwärtsgerichtete Kräfte leichtes Spiel haben. 

„Schöne neue Wirklichkeit“ plädiert für eine Besinnung auf die Grundlagen denkender Vernunft und verantwortlicher Moral und kann gleichzeitig als eine entscheidende Alternative verstanden werden: Wollen wir die pseudo-Realität der Beliebigkeit oder eine Wirklichkeitserfahrung echten Seins, aus der persönliche Erfüllung und gesellschaftliche Verbindlichkeit entstehen kann?


Rezension

Es gibt diese schöne Anekdote aus der Gründerzeit der amerikanischen Demokratie. Eine Frau fragt im Anschluss an die Verfassungsgebende Versammlung von 1787 einen der Gründerväter, Benjamin Franklin: »Herr Doktor, was ist es denn nun geworden, ein Königreich oder eine Republik?« Franklin darauf: »Eine Republik, falls Sie sie bewahren können.«

Nun, die republikanische Sache ist heute sicher mindestens so bewahrungsbedürftig wie zu Franklins Zeiten. Ein Buch, das dabei hilfreich sein kann, ist Jens Heisterkamps: ›Schöne Neue Wirklichkeit – Sieben postfaktische Denkblockaden und ihre Überwindung‹. Warum? Weil es sehr klar einige der tieferen Ursachen der aktuellen Krise demokratischer Gesellschaften herausarbeitet (was ja nicht allzuoft passiert), bei der Problemanalyse aber nicht stehenbleibt, sondern Lösungsvorschläge anbietet (was noch seltener passiert). Ein philosophisch-politisches Selbsthilfebuch also, gut zu lesen, aber nicht flach – und nicht nur gut zu lesen, sondern auch schnell: 130 Seiten sind ein Format, das einer Zeit, in der dieselbe ein knappes Gut ist, freundlich entgegenkommt.

Heisterkamp geht es um die Frage, wie wir in Zeiten, in denen wir von alternativen Fakten, gelenkten Demokratien und digitalen Echokammern umgeben sind, urteilsfähig und vor allem handlungsfähig bleiben können. Denn eine res publica braucht eine Mitte, die miteinander reden kann und sich dabei versteht und entwickelt. Die Mitte aber franst aus, was von ihr übrig bleibt, ist oft ratlos, passiv oder zynisch, und wird von den Rändern, die immer größer werden, angegriffen. Wie also geht man mit Menschen um, die für wahr halten, was sie fühlen? Das Motto: »Du hast deine Wahrheit, ich habe meine« könnte dazu führen, dass die Mehrheit in einer Gesellschaft lebt, in der es nur noch die Wahrheit der Verschwörungstheoretiker, Hassprediger oder Trolle gibt. Aber diese zu bekämpfen – ist das die Strategie? 

Heisterkamp hält ein leidenschaftliches Plädoyer für das Denken und seine Möglichkeit, der Wahrheit näherzukommen. Und wenn man etwas näherkommen kann, bedeutet es, dass es existiert. Dieses Buch glaubt – im Einklang mit Hannah Arendt u.a. – zutiefst daran, dass Wahrheit existiert, und legt den Finger in die Wunde der postmodern relativistischen Weltanschauung, in der es von »Narrativen« und »Konstruktionen« wimmelt.

Es geht also um ein Wiederentdecken des Denkens und einer Erkenntnistheorie, die dem Menschen zugesteht, erkenntnisfähig zu sein. Natürlich ist hier Rudolf Steiners ›Philosophie der Freiheit‹ ein nach wie vor aktueller Kompass. Aber Heisterkamp verbindet sie mit zeitgenössischen Philosophien. Und indem er das Ganze in den aktuellen politischen Kontext setzt, wird die Fragestellung plötzlich existenziell, und damit auch für Menschen relevant, die sich sonst nicht für erkenntnistheoretische Fragen begeistern könnten. Und indem er dem Menschen zugesteht, urteilsfähig zu sein, gesteht er ihm auch zu, entscheidungsfähig und damit verantwortungsfähig zu sein.

Wer jetzt aber glaubt, dass ›Schöne neue Wirklichkeit‹ behauptet, es gebe an sich nur eine Meinung zu den Dingen, z.B. die von Jens Heisterkamp, der hat zu schnell geurteilt. Denn gerade dieses Paradox, dieses Dilemma wird umkreist. Und als Lösungsansatz entwickelt der Autor so etwas wie eine Würde der Freiheit oder der Dialogfähigkeit. Es geht um eine Haltung, die befähigt, zu handeln. Was immer diese Haltung ist, sie liegt natürlich nicht in einem Buch, sondern in seinem Leser. Und sie wird auch nicht durch die Lektüre von 130 Seiten zu ihrem Abschluss kommen. Aber diese 130 Seiten geben konkrete Hinweise und können etwas im Leser anklingen lassen, das dringend gebraucht wird, um die (Welt-)Republik weiterzuentwickeln und – bewahren zu können. 

Quelle: Die Drei, Heft 6, 2018

Erscheinungsdatum: 09.2017
Auflage: 1.
Seiten: 130
Einbandart: Paperback
ISBN: 978-3-95779-055-2

Schöne neue Wirklichkeit

Sieben post-faktische Denkblockaden und ihre Überwindung

von Jens Heisterkamp

"Schöne neue Wirklichkeit" plädiert für eine Besinnung auf die Grundlagen denkender Vernunft und verantwortlicher Moral und kann gleichzeitig als eine entscheidende Alternative verstanden werden: Wollen wir die pseudo-Realität der Beliebigkeit oder eine Wirklichkeitserfahrung echten Seins, aus der persönliche Erfüllung und gesellschaftliche Verbindlichkeit entstehen kann?


EAN 9783957790552

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