Bruno Sandkühler hat sich seit Jahren mit dem Thema und beschäftigt und stellt nun die Ergebnisse anhand von reichem Bildmaterial vor. Er geht den verschiedenen Bedeutungsschichten nach und wertet dabei auch die bisherigen ägyptologischen Einzelforschungen aus. Damit erschließt sich dem Leser einen Wer altägyptische Monumente betrachtet, sieht in vielfältiger Abwandlung ein Motiv, das von der Landschaft bis in die nachtodliche Welt alle Lebensbereiche durchzieht. Und dennoch hat es bisher weder in Reisebüchern noch in der reichhaltigen Ägyptenliteratur eine seiner Bedeutung angemessene Beachtung gefunden. In pharaonischer Zeit wurde es Sema tawy genannt, die "Vereinigung der Beiden Länder". Bruno Sandkühler hat sich seit Jahren mit dem Thema und beschäftigt und stellt nun die Ergebnisse anhand von reichem Bildmaterial vor. Er geht den verschiedenen Bedeutungsschichten nach und wertet dabei auch die bisherigen ägyptologischen Einzelforschungen aus. Damit erschließt sich dem Leser einen umfassender Blick in wesentliche Grundlagen des altägyptischen Weltbildes. umfassender Blick in wesentliche Grundlagen des altägyptischen Weltbildes.


Rezension

Das Motiv der »Vereinigung der beiden Länder«, meist auf Ober- und Unterägypten bezogen, ist gut bekannt und ein vielsagender bildhafter Ausdruck seit der Begründung der altägyptischen Kultur vor etwa 5.000 Jahren. Es taucht gleich auf einem der ersten mit Reliefs versehenen Stein-Dokumente auf, der sogenannten »Palette des Königs Narmer«, und begleitet dann die gesamte altägyptische Kulturgeschichte.

Bisher wurde dies als eine unter vielen für die altägyptische Königskultur wichtigen symbolischen Darstellungen realer Geschehnisse aufgefasst, die bei der Krönung und anderen zentralen Ereignissen eine Rolle spielten. Bruno Sandkühler macht sich daran zu zeigen, dass dieses Motiv der Vereinigung eines der zentralsten Motive der altägyptischen Kultur überhaupt gewesen ist, das alle Lebensbereiche sowie die jenseitige Welt umfasste. Die weitreichende Bedeutung dieses Motives wurde bisher von der ägyptologischen Forschung übersehen.Eine wichtige Vorbedingung zur Einsicht in Sandkühlers Gedankengang ist die von ihm mehrfach hervorgehobene Wandlungsfähigkeit ägyptischer Götter: Es gibt letztlich keine eindeutigen Funktionen, Geschlechter, Namen, Verwandtschaften oder Ortszuschreibungen. Fast jeder der höheren Götter kann die Funktion eines anderen übernehmen, einmal festgelegte Konturen müssen immer wieder aufgelöst werden. Man wird fast darauf gestoßen, dass es sich hier um eine Annäherung an eine Welt der fließenden Wirkungsmächte handelt (S. 29), die sich in immer wieder anderen Formen zu konkreten Gestalten verwirklichen (S. 41-43). Auf dieser Grundlage ist es dann nicht mehr so schwer, in den verschiedensten Göttergestalten wenige Grundprinzipien am Werke zu sehen. Der Notwendigkeit der Vereinigung geht die Trennung, oder die Störung, der Einheit voraus (exemplarisch in der Osiris-Isis-Horus-Sage) – am Weltenanfang und in allen folgenden Zeiten. So muss das Gleichgewicht immer wieder erarbeitet werden, es ist nie da, sondern (vorläufiges) Ergebnis ständigen Bemühens. Mit anderen Worten: Entwicklung bedarf der Störung und der fortwährenden Überwindung von Abgründen.

»Der Begriff der Vereinigung beider Länder […] bezeichnet dabei einen dynamischen Vorgang, einen unablässig zwischen polaren Kräften zu vollziehenden Pendelschlag, […] ein rhythmisches Pulsieren um die Mitte.« (S. 50) Deshalb: der Atem Ägyptens. Nur diese fortwährende Zusammenführung gegensätzlicher Kräfte durch menschliche Aktivität gewährleistet die Weltordnung, die Maat.

Bis in viele Einzelheiten hinein zeigt Sandkühler auf der Grundlage auch neuester ägyptologischer Forschungen wie tief das Motiv der Polarität und seiner fortwährenden Steigerung und Überwindung die altägyptische Kultur prägt und wie die Vereiniung der beiden Länder nur eine der vielen, wenn auch eine zentrale Ausdrucksform davon ist. Dabei wird an vielen Stellen auf die geistigen Triebkräfte der altägyptischen Kultur sowie die tiefe Bedeutung von Einweihungserlebnissen der Köngie und ausgewählter Priester hingewiesen – eine Sichtweise, mit der sich die moderne Ägyptologie, von Ausnahmen abgesehen, immer noch schwertut.

Das Buch ist anspruchsvoll und als Einführung in die ägyptische Kultur nicht geeignet. Jeder der aber schon einige Kenntnisse mitbringt, zum Beispiel aus den Büchern von Frank Teichmann, wird reich beschenkt durch diese, vieles verstreute Material umfassende Darstellung. Wahrhaft die Krönung eines umfassenden Lebenwerkes!

Quelle: Die Drei, Heft 11, 2017

Erscheinungsdatum: 01.06.2017 
Auflage: 1.
Seiten: 200 m. zahlr. Abb.
Einbandart: Gebunden
Format / Gewicht: 26,5 x 17,5 cm
ISBN: 9783723515754

Lotus und Papyrus

Der Atem Ägyptens

von Bruno Sandkühler

Wer altägyptische Monumente betrachtet, sieht in vielfältiger Abwandlung ein Motiv, das von der Landschaft bis in die nachtodliche Welt alle Lebensbereiche durchzieht. Und dennoch hat es bisher weder in Reisebüchern noch in der reichhaltigen Ägyptenliteratur eine seiner Bedeutung angemessene Beachtung gefunden. In pharaonischer Zeit wurde es Sema tawy genannt, die "Vereinigung der Beiden Länder".


EAN 9783723515754

Hersteller: Verlag am Goetheanum

* inkl. ges. MwSt. zzgl. Versandkosten