Stigmatisation und Erkenntnis: Anmerkungen zu Evangeliendarstellungen und Schicksal Judith von Halles

von Wolfgang Gädeke

Seit im Jahr 2004 bei der Berliner Architektin Judith von Halle die ersten Anzeichen einer Stigmatisation auftraten, hat sie zahlreiche Vorträge gehalten und Schriften veröffentlicht, die bis heute kontrovers diskutiert werden.


EAN 9783825179182

Hersteller: Urachhaus

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Ein kontrovers diskutiertes Thema

Wolfgang Gädeke hat sich intensiv mit ihrem Werk beschäftigt und bietet zahlreiche Diskussionsansätze.


Es gibt Hunderte von bezeugten Fällen von Stigmatisation, aber das Auftreten dieses Phänomens bei einem Menschen, der sich ausdrücklich zur Anthroposophie bekennt, ist etwas bisher Einzigartiges und hat zu großer Aufmerksamkeit, zu Auseinandersetzungen über die Ursachen und die Bedeutung dieses Phänomens in anthroposophischen Kreisen geführt.

Die Phänomene Stigmatisation, Nahrungslosigkeit und Zeitreisen, also geistige Wahrnehmungen physisch-sinnlicher Tatsachen, die räumlich und zeitlich weit entfernt liegen, sind eine erhebliche Herausforderung an anthroposophische Erkenntnisbemühungen. 

Bewundernde Anerkennung auf der einen Seite und heftige Ablehnung auf der anderen stehen sich bis heute gegenüber. Das alles ist verständlich, aber die Aufgabe einer erkenntnismäßigen Durchdringung dieser Phänomene bleibt damit doch bestehen.

Inhaltsverzeichnis

Die Prüfung der Schilderungen Judith von Halles | Die Jordantaufe Jesu | Die Beschreibung der Taufe im Neuen Testament | Die Schilderung der Jordantaufe durch Rudolf Steiner | Künstlerische Darstellungen | Das Kreuz auf Golgatha | Künstlerische Darstellungen der Kreuzigung | Zu den Deutungen durch Peter Tradowsky, Helmut Kiene, Sergej Prokofieff und Mieke Moosmuller


Rezension

Wie bekommt man die Parteilichkeit aus der oft erregten Diskussion um Judith von Halle heraus? Das ist keine Einzelfrage, sondern sie geht die zentralen Frage nach der inneren Verbindlichkeit von Rudolf Steiners Erkenntnissen und ihrer freien Weiterentwicklung an. Schon Steiner wehrte sich dagegen, dass man ihm alles nur wörtlich »glaubte«, weil das nur der Faulheit und Angst vor der Weiterentwicklung seiner Anregungen diene. Stattdessen hoffte er, dass die anthroposophischen Erkenntnisgrundlagen methodisch durchdrungen und damit auch persönlich erübt werden, und dass die »Offenbarungen« (was für ein belastetes, oft undurchdachtes Wort!) weder inhaltlich noch in ihrer praktischen Umsetzung ein Ende haben, bloß weil fast jeder ehrlicherweise sagen muss: »Mit Steiner kann ich mich nicht messen«.

Judith von Halle, der man eigene Schauungen, innere Erfahrungen und eine umfangreiche Kenntnis der Steinerschen Gesamtausgabe schwerlich absprechen kann, hat einerseits ihre Stigmatisation (Wundmale Christi) und Nahrungslosigkeit von sich aus nicht öffentlich machen wollen. Und dennoch ist es inzwischen bekannt, und es ist nicht bloß persönliche Neugier, sich damit zu beschäftigen, weil es mit ihren Einsichtsquellen oft verbunden wird.

Wolfgang Gädeke hat sich um ein Gespräch mit Judith von Halle bemüht und nun ein Buch vorgelegt, das in seiner zweiten Hälfte die Diskussion ihrer Angreifer und Verteidiger wenigs tens ansatzweise skizziert und die jeweilige Parteilichkeit zu beruhigen sucht. In der ersten Hälfte kontrastiert der Theologe – zum Teil bereichert durch die Sprachuntersuchungen von Elsbeth Weymann – vier Schwerpunkte des Christuslebens (Jordantaufe – Kreuzigung – Abendmahl – Auferweckung des Lazarus) mit dem biblischen Befund, Steiners Darstellungen und eben Judith von Halles Bildern und Erklärungen. Gädeke widerspricht nicht überall, aber er macht schwer zu vereinbarende Unterschiede aus.

Führt das also zu einer Abwertung Judith von Halles? Nein, sondern Gädeke versucht ihre Erkenntnisweise (die ja von der Persönlichkeit schwer zu trennen ist) durch die Erscheinung des Somnambulismus verständlich zu machen. Steiners Sprachgebrauch dieses Wortes unterscheidet sich von einer herabsetzenden Verwendung; so wird jede Psychiatrisierung vermieden. Gädeke bittet darum, »die Phänomene von Stigmatisation, Nahrungslosigkeit und ›Zeitreisen‹ mit geisteswissenschaftlichen Mitteln zu durchdringen, und … einen Menschen, bei dem sich diese Phänomene zeigen und der sich eindeutig zur Anthroposophie bekennt, nicht als sozial pathologisch zu stigmatisieren, sondern als Anthroposophen anzunehmen und zu respektieren«. Mir scheint dieses Buch nicht eine einfache Kritik an Judith von Halle zu sein, sondern zugleich eine Ehrenrettung. 

Quelle: Die Drei, Heft 9, 2015

Erscheinungsdatum: 10.06.2015
Auflage: 1.
Seiten: 300, mit zahlreichen Abbildungen
Einbandart: gebunden
ISBN: 978-3-8251-7918-2